Industriekultur

Magazin für Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte

Myslakowice/Niederschlesien: Letzte polnische Leinenfabrik geschlossen

­Die 1839 auf einem dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. gehörenden Gutshof projektierte „Flachsgarn-Maschinen-Spinnerei und Weberei“ wurde unter direkter Aufsicht der Preußischen Seehandlung als Musterbetrieb zur industriellen Förderung der Region errichtet.­­

Um einen rechteckigen, bis heute erhaltenen Hof entstanden Werkstätten, Wohn- und Verwaltungsgebäude; den Höhepunkt bildete jedoch die 1844 fertiggestellte viergeschossige Spinnmühle mit fast 3700 qm Nutzfläche, deren Maschinen von e­inem zentralen Wasserrad angetrieben wurden.

Drei Geschosse dieses frühen Fabrikbaus werden durch gusseiserne Säulen in drei Schiffe geteilt. Auf den Säulen lagern, vermittelt durch dekorative Auskragungen, ebenfalls gegossene Gitterträger, auf denen die schließlich die eisernen Deckenträger mit gemauerten Gewölben aufliegen. Größe und ­Konstruktionsweise machen die Erdmannsdorfer Fabrik zu einem herausragenden Zeugnis des frühen preußisch-schlesischen Eisenbaus und einem wichtigen Pionierbau der Industriearchitektur im (ehemals) deutschsprachigen Raum.

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Im Jahre 1867 wurde der erste Spinnmühlenbau durch einen größer dimensionierten, ebenfalls mit gegossenen Säulen und Trägern ausgestatteten Stockwerksbau verlängert; Kesselhaus und Dampfmaschine entstanden. Später wurden auch eingeschossige Weberei-Sheds errichtet.

Für die Unterbringung der Arbeiter wurde nicht nur ein ehemaliges Ökonomiegebäude zu einem vierflügeligen mehrstöckigen Wohnhaus umgebaut; schon 1837 waren in Erdmannsdorf für aus dem Zillertal eingewanderte Tiroler Bauern "alpine" Häuser entstanden.

Bisher sind weder die Gesamtanlage noch Einzelbauten in die Denkmalliste eingetragen; Wissenschaftler der Technischen Hochschule Breslau, die bereits vor langem das außergewöhnliche Ensemble untersuchten und seine Geschichte publizierten, setzen sich jedoch nun gemeinsam mit der Regionalverwaltung verstärkt für die Rettung ein.

Seit der kommunistischen Zeit unter dem Namen „Orzel“ bekannt, bemühte sich der Betrieb zuletzt durch Werksverkauf und gezielte Ansprache von Touristen um neue Absatzmärkte.

Firmen-Website "Orzel" mit engl. Unternehmensgeschichte