Chile: Einleitung – Deutsch

Autoren: Norbert Tempel  + Marion Steiner

Das Titelbild der Ausgabe 3.2022 zeigt einen Kübelzug, gezogen von drei Dieselloks amerikanischer Bauart der Ferrocarril de Antofagasta a Bolivia (FCAB) auf ihrer Fahrt von Calama nach Ollagüe (an der Grenze zu Bolivien) bei der Fahrt entlang des Salar de Ascotán (Salzsee) am 29. April 2012. Die Kübel werden für den Transport von Erz-Konzentrat aus Bolivien zu den Häfen Chiles benötigt. Im Hintergrund ist der 5 846 Meter hohe Vulkan Cerro del Azufre sichtbar, im Vordergrund eine typische Erinnerungsstätte, in Chile „Animita“ genannt (https://t2m.org/newsletter/view-from-the-street/the-dead-on-the-road-animitas-in-chile-remembering-the-dead-from-folklore-to-political-action/), anlässlich eines tödlichen Unfalls an der Strecke. Foto: David Gubler, 2012 (beschnitten, CC BY-SA 4.0)

Anlässlich des Nationalfeiertags ist der Hallengiebel der historischen Alameda Kopfstation festlich geschmückt. Der Zentralbahnhof Santiagos mit seiner stählernen Halle, ein Entwurf Gustave Eiffels, 1897 von Schneider-Le Creusot erbaut, steht seit 1983 unter Denkmalschutz. Foto: Norbert Tempel, 2018

Industriekultur in Chile im Überblick:

Bodenschätze, Eisenbahnen und Company Towns

Autoren: Norbert Tempel  + Marion Steiner

Chile ist mit Bodenschätzen reich gesegnet. Salpeter, Kupfer, Gold, Silber, Lithium und andere begehrte Mineralien haben entscheidend zum Wohlstand des Landes beigetragen. Zugleich ist Chile das Land der Company Towns. An den meist entlegenen Förderstandorten waren diese Siedlungen gängiger Standard für die Unterbringung der Bergleute und ihrer Familien. Dieser erste Beitrag auf der Serviceseite Chile des Internetportals der Zeitschrift Industriekultur orientiert sich am Einführungsbeitrag des Länderschwerpunkts Chile in Ausgabe 3/2022 und gibt weitere Hinweise auf Literatur und Internet-Links.

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Begehrte Rohstoffe begründen Chiles Platz in der Weltwirtschaft. Der Salpeter aus der Atacama-Wüste war ab etwa 1830 bis nach dem Ersten Weltkrieg als Dünger für die intensivierte Landwirtschaft und Grundlage für Sprengstoffe und Schießpulver weltweit überaus begehrt. Ab etwa 1900, mit der rapiden Entwicklung der Elektroindustrie, wurde das Kupfer aus einer Vielzahl von Lagerstätten nachgefragt, heute wird zudem Lithium für die Elektromobilität immer wichtiger. Viele der Förder-Standorte lagen in entlegenen, menschenleeren Gegenden des Landes. In einem Umfang wie kaum anderswo auf der Welt errichteten die Bergbau-Gesellschaften Company Towns, in denen die benötigten Arbeiter, häufig zusammen mit ihren Familien, untergebracht waren. Aus den anfänglich improvisierten Camps erwuchsen regelrechte Kleinstädte, deren Infrastruktur nicht nur Geschäfte, Schulen, Krankenhäuser und Friedhöfe, sondern in manchen Fällen auch Sportanlagen und Kultureinrichtungen wie Theater, Kinos und Clubs umfasste. Letzte bewohnte Company Town ist Maria Elena, nahe einer heute noch aktiven Salpeter-Mine, im Norden des Landes. Einige erhaltene Beispiele werden in der 100. Ausgabe der Industriekultur (No. 3/2022) vorgestellt.

Diese Luftaufnahme zeigt eine typische Salpeter-Oficina, eine Company Town in der unendlichen Weite der Atacama-Wüste, links die auf oktogonalem Grundriss angelegte Siedlung María Elena, rechts das Werk – umgeben von Spuren des Abbaus und der Aufbereitung. Foto: Ignacio Infante Cobo | @ignacioinfante, 2010

Chile – „das längste Land der Welt“

Chile erstreckt sich über mehr als 4.300 km entlang der Pazifik-Küste Südamerikas, von der Atacama-Wüste im Norden bis nach Patagonien im Süden. In Ost-West-Richtung, von der Küste bis in die Anden, beträgt die Ausdehnung meist nur knapp 180 Kilometer. Im Osten grenzt es an Argentinien, im Nordosten an Bolivien, im Norden an Peru. Die Hauptstadt Santiago mit sechs Millionen Einwohnern liegt etwa in der Mitte des Landes.

Zwei parallel verlaufende Gebirgszüge, die Küstenkordillere mit Höhen bis zu 2.000 Metern und das Hochgebirge der Anden mit bis zu 7.000 Metern, die im Norden miteinander verschmelzen, prägen das Landschaftsbild. Breite Quertäler und das Valle Longitudinal („Längstal“) gliedern die Landmasse. Das Land umfasst mehrere Klimazonen von der extrem trockenen Atacama-Wüste im Norden bis zum feucht-kalten Süden. Der Großteil der Bevölkerung (80 % von insgesamt 14 Millionen) wohnt in der klimatisch günstigen Zentralregion.

Karte von Chile, Grafik WKZ. Der südliche, wenig industrialisierte Teil Chiles ist nicht dargestellt.

Landesgeschichte, Wirtschaft und Politik

Seit der „Entdeckung“ durch Kolumbus 1492 dominierte Spanien den südamerikanischen Kontinent, zerstörte das einst mächtige Inka-Reich, kolonisierte, missonierte und unterdrückte die indigenen Völker und plünderte die Edelmetalle der Region. In Peru wurde 1542 ein Vizekönigreich installiert, zu dem auch große Teile des heutige Chile gehörten. Abgesehen von Brasilien ist Spanisch bis heute die Lingua Franca des Kontinents.

Die Unabhängigkeit errang Chile 1818 durch General O’Higgins, als Nationalfeiertag wird die erstmalige Machtübernahme durch eine Junta am 18. September 1810 gefeiert. In der Folge bildete sich in Chile eines der stabilsten politischen Systeme Südamerikas heraus, dominiert von den vermögenden Schichten: Großgrundbesitzern und Handelsbürgertum. Valparaíso wurde zum Freihafen und zeitweilig bedeutender als die Hauptstadt Santiago (Beiträge zu Valparaíso in Industriekultur Ausgabe 3/2022 auf den S. 14-15 sowie Historischer Stadtplan im Beihefter in der Heftmitte). Als Containerhafen ist heute San Antonio bedeutender.

Link: Valparaíso auf der Welterbe-Liste: whc.unesco.org/en/list/959

Literatur zu Valparaíso :

  • Samuel León: Valparaíso sobre rieles – el ferrocarril, los tranvías y los 30 ascensores, Valparaíso 2009
  • Marion Steiner: Die chilenische Steckdose – kleine Weltgeschichte der deutschen Elektrifizierung von Valparaíso und Santiago, 1880–1920, 2 Bände, Bauhaus-Universität Weimar 2019 (doi.org/10.25643/bauhaus-universitaet.3925)
  • Marcela Pizzi Kirschbaum: Valparaíso – Port, Railway and Industry – a Cultural Landscape which generated Modernity in need of Preservation; in: Heleni Porfyriou, Marichela Sepe (eds.): Waterfronts revisited, New York 2017, S. 153–161
Der nächtliche Blick von der Bergstation der Standseilbahn auf den Cerro Artillería in die Bucht von Valparaíso lässt hinter dem Containerumschlagplatz ein Schwimmdock für Schiffsreparaturen erkennen.

Foto: Karl-W. Koch, 2019

Großformatige Wandbilder, sogenannte „Murales“, sind in Valparaíso überaus populär. Dieses verweist auf die bunt gemischte Bevölkerungsszene. Foto: Norbert Tempel, 2018

Zugleich begann die Binnenkolonisation des Landes sowie die Ausweitung des nationalen Territoriums über La Serena im Norden und Concepciòn im Süden hinaus. Die sukzessive Ausweitung im Süden, in die Gebiete der indigenen Völker, insbesondere nach Araukanien, die Heimat der Mapuche, wurde auch unter Instrumentalisierung deutscher Siedler vorangetrieben, die vor allem im Südwesten Deutschlands angeworben wurden. Sie halfen entscheidend, das südliche Chile (Valdivia, Osorno, Lago Llanquihue, Puerto Varas, Puerto Montt, Frutillar) landwirtschaftlich nutzbar zu machen.

Im sogenannten Salpeterkrieg eroberte Chile 1879-1884 mit britischer Unterstützung die bolivianische Provinz Antofagasta und die peruanische Provinz Tarapacá, um die dortigen reichen Salpeterlagerstätten allein ausbeuten zu können. Dies sorgt bis heute für Spannungen mit den Nachbarn Peru und Bolivien. Salpeter war zu dieser Zeit ein hochprofitabler Exportartikel (siehe Beitrag zum Chilesalpeter in Industriekultur Ausgabe 3/2022, S. 18-22). Später rückten die reichen Kupfervorkommen in den Fokus (siehe Beiträge zu den Kupferminen in Sewell und Chuquicamata in Industriekultur Ausgabe 3/2022, S. 6-9 bzw. 7-13).

Chuquicamata in der Atacama-Wüste – größter Kupfer-Tagebau der Welt, Bild DBM
Erinnerung an den Kohlebergbau in Lota: Schächte Nuevos Carlos 1 und 2, Foto: Andrès Rivas, 2022

Das Zentrum des Kohleabbaus lag einst am Golf von Arauco bei Lota und Coronel (siehe Beitrag zu Lota in Industriekultur Ausgabe 3/2022, S. 16-17). Seit kurzem wird in Chile keine Kohle mehr gefördert. Erdölförderung begann 1945 in der Magellan-Region.

www.guiaminera.cl    Aktuelles Portal zum Bergbau in Chile (spanisch)

Buch zu Siedlungen der Erdölindustrie in Patagonien (spanisch): Pia Acevedo Mendez: Arquitectura y sociedad petrolera en elf in del mundo. Campamentos ENAPinos en tierra del fuego, chile. https://parquecultural.cl/2022/06/24/historiadora-pia-acevedo-presenta-investigacion-sobre-campamentos-petroleros-de-enap-levantados-en-tierra-del-fuego/

Existenzgrundlage der Bahnen in der Atacama-Wüste ist bis heute der Transport von Mineralien, hier ein Zug mit Eisenerz der Los Colorados-Mine auf dem Weg zum Hafen in Huasco. Foto: Mauro C. | @portafolio.ferroviario, 2021

Eisenerz wird im Norden Chiles (https://en.wikipedia.org/wiki/Chilean_Iron_Belt) in der Atacama Region im Huasco Valley und im Copiapo Valley sowie in der Coquimbo Region im Elqui Valley gefördert. Hier ist der größte chilenische Produzent Compañía de Acero del Pacífico (CAP https://www.cap.cl/cap/site/edic/base/port-eng/inicio.html) aktiv, der es per Bahn und Schiff u.a. zur Verarbeitung in seinem integrierten Hüttenwerk CAP Acero Compañía Siderúrgica Huachipato (https://www.capacero.cl/cap_acero/quienes-somos/quienes-somos/2018-01-29/115836.html) in Talcahuano, an der Küste der Bio-Bio Region transportiert.

Über Umweltbelastungen durch die Montanindustrie in Huasco informiert die Seite https://news.mongabay.com/2018/11/chile-mining-waste-continues-to-be-expelled-into-the-sea/

BU: Der größte Stahlerzeuger Chiles, Compañía de Acero del Pacífico (CAP), betreibt seit den 1950er Jahren das einzige integrierte Hüttenwerk Chiles in Huachipato, an der Pazifikküste nahe Concepcion gelegen. Foto: Mauro C. | @portafolio.ferroviario

Chiles Erzeugung von Elektrizität beruht immer noch zum großen Teil auf der Verwendung fossiler Brennstoffe in thermischen Kraftwerken und zu etwa einem Viertel auf Wasserkraft (Übersicht der Kraftwerke: https://es.wikipedia.org/wiki/Anexo:Centrales_el%C3%A9ctricas_de_Chile). Etwa ein Fünftel des chilenischen Stroms stammen inzwischen aus Solar- und Windenergieanlagen.

Im windreichen Süden hat jüngst der Bau von Anlagen begonnen, die aus Wasser, Windstrom und Kohlendioxid synthetisches „grünes“ Benzin herstellen werden.

Pangal wurde als eines der ersten Wasserkraftwerke nach dem Ersten Weltkrieg von der Braden Copper Company zur Energieerzeugung für das Kupferbergwerk El Teniente erbaut. In Zusammenhang damit wurde eine hölzerne Rohrleitung erbaut, die unter Denkmalschutz steht und aktuell noch teilweise genutzt wird (https://second.wiki/wiki/central_hidroelc3a9ctrica_pangal).

Chile gehört dank seiner Rohstoffe zu einem der wirtschaftlich und politisch stabilsten Staaten des Kontinents. Die Wirtschaft wurde lange von US-amerikanischen und englischen Firmen dominiert, Industrie und Bahnen entsprechend geprägt. Aber auch die Spuren deutscher Einflüsse sind bis heute sichtbar, so beispielsweise in der Elektrizitätswirtschaft, der Pharmazie oder dem Brauwesen. In der Region um Concepción, der drittgrößten Stadt des Landes, insbesondere am Ostufer der Bucht des Biobio, wo es bereits eine Papierfabrik und Textilfabriken, Holzverarbeitung, Glasproduktion und Brauereien gab, wurde neben dem Hüttenwerk (1950) weitere verarbeitende Industrie angesiedelt, wie eine Raffinerie (1966) und der Chemiekomplex von San Vicente (1970er).

Soziale Konflikte führten 1970 zum Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende, der u.a. die Kupferindustrie verstaatlichte und damit erhebliche Staatseinnahmen generierte. Ein Putsch der Rechtsnationalen unter General Pinochet am 11. September 1973 installierte ein brutales Folter-Regime, das zudem mit seinem extrem neo-liberalen Kurs zu Massenarbeitslosigkeit und Armut führte. Die Rückkehr zur Demokratie gelang nach einem Referendum ab 1988. Sozial-und Bildungspolitik wurden jedoch nicht grundlegend gewandelt. Durch Streiks und Massenproteste, die sich vor allem für bessere Bildungschancen und gegen die Privatisierung des Bildungssektors richten, konnte 2019/20 die Einsetzung einer verfassungsgebenden Versammlung unter Beteiligung breiter Bevölkerungsgruppen erstritten werden. Die Vorsitzende der Versammlung stammt aus dem indigenen Volk der Mapuche im Süden des Landes (9% der Bevölkerung), das sich seit jeher gegen Enteignung und Landraub durch Staat und Unternehmen wehrt. Streitpunkt, vor allem im Norden, ist auch die massenhafte Entnahme und Verwendung von Wasser für industrielle Zwecke. Im wirtschaftlichen Vorzeigeland wurden immer mehr Menschen abgehängt, weil Bildung, Wohnungen und Gesundheit unbezahlbar wurden, während die Löhne und Renten schrumpften. Hoffnungen der benachteiligten Bevölkerungsgruppen weckte der Sieg des linken Reformers Gabriel Boric bei der Präsidentenwahl im Dezember 2021, im Amt ist er seit dem 11. März 2022. Der erste Entwurf der neuen Verfassung wurde bei einer Volksabstimmung am 4. September 2022 nicht angenommen, daher beginnt nun ein neuer Prozess, der von einem Expertengremium begleitet wird.

Info-Box 2: Chiles Arbeiterbewegung

Die Arbeiterbewegung, so argumentiert Angela Vergara in ihrem Buch “Copper Workers, International Business, and Domestic Politics in Cold War Chile”, war eine fortschrittliche Kraft, die maßgeblich an der Einführung nationaler Reformen und der Radikalisierung der Politik beteiligt war. In Chile ist ihre Rolle entscheidend für das Verständnis des Ausbaus des Wohlfahrtsstaates in den 1950er Jahren, der Einführung von Sozialreformen in den 1960er Jahren und des chilenischen Weges zum Sozialismus in den frühen 1970er Jahren. Das Buch zeigt den historischen Ursprung der Umsetzung neoliberaler Politiken, der Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten und der Entstehung des so genannten chilenischen Wirtschaftsmodells, das von den “Chicago Boys” propagiert wurde. Das Buch zeigt, dass viele der in den 1970er und 1980er Jahren vorgenommenen Veränderungen ihren Anstoß in der Krise der Import-Substitutionsbemühungen der späten 1950er Jahre fanden.

Angela Vergara: Copper Workers, International Business, and Domestic Politics in Cold War Chile, Penn Uni Press, 2008, ISBN: 978-0-271-03335-8.

https://www.psupress.org/books/titles/978-0-271-03334-1.html

BU: Historisches Bild der Bergarbeiterstadt Sewell beim Kupferbergwerk El Teniente, Foto: DBM

BU: Abgießen des Kupfers auf dem Anoden-Gießrad in der Hütte von El Teniente. Foto: DBM

Verkehr: Die Eisenbahn als Rückgrat des extrem langgestreckten Landes

Zeitweilig, von den 1910ern bis in die 1970er Jahre, war das Land in Nord-Süd-Richtung durch durchgehende Eisenbahnlinien erschlossen (Link: https://www.wikiwand.com/en/History_of_rail_transport_in_Chile). Die erste Bahnstrecke Chiles, von Caldera nach Copiapó, wurde Ende 1851 eröffnet. Im Norden folgten eine Reihe isolierter Strecken der Bergbauindustrie aus dem Hinterland zu den Häfen an der Küste. Die Ferrocarril de Antofagasta a Bolivia (FCAB) stellte 1873-1889 die Verbindung vom Hafen Antofagasta nach Bolivien her.

Nördlich der Zentralregion, von La Calerabis Iquique (Entfernung ca. 1800 km) verband man die Bahnen der Minen und der Salpeterindustrie durch eine Transversale („Longitudinal-Bahn“) mit 1000 mm Spurweite, 1910 fertiggestellt. Dieses staatliche Großprojekt zur Infrastrukturförderung, ein Lieblingsprojekt des Staatspräsidenten Pedro Montt (1849-1910), förderte die Binnenkolonisation des Landes und hatte damit sowohl eine starke geostrategische wie kulturell-symbolische Bedeutung.

Gleichzeitig stellte die aufwändige Transandino-Bahn mit ihren Zahnradabschnitten, Tunneln und Brücken über die Andenkordillere die Verbindung nach Argentinien her. Der erhoffte Güterstrom zwischen Valparaíso und Buenos Aires blieb jedoch aus, zumal 1914 der Panama-Kanal zur Umgehung der Südspitze Südamerikas bei Kap Horn eröffnet wurde. Nach Bergrutschen wurde der durchgehende Verkehr 1984 eingestellt. Von Güterzügen und gelegentlich einem Touristentriebwagen befahren wird heute noch der Abschnitt von Los Andes bis Río Blanco, wo eine Industriebahn zur Kupfermine Saladillo anschließt.

Es gibt einen deutschen Dokumentarfilm von 1972 über den Transandino: https://www.amigosdeltren.cl/trasandino-el-ferrocarril-olvidado#!/ccomment-comment=431

Die Codelco-Kupfermine Andina in Saladillo schließt mit einer Anschlussbahn in Río Blanco an die Transandinostrecke an, die von Los Andes aus noch von Güterzügen und gelegentlich einem Touristentriebwagen befahren wird. Foto: Mauro C. | @portafolio ferroviario, 2021

Eine weitere Andenüberquerung von Augusta Victoria nach Socompa mit Anschluss an das argentinische Netz wurde erst1948 fertiggestellt. Die vernachlässigte Longitudinal-Bahn wurde ab 1975 an Privatgesellschaften verkauft und teilweise stillgelegt. Das heute von den Gesellschaften Ferronor (www.ferrronor.cl), FCAB (www.fcab.cl; http://www.markusworldwide.ch/Railways/Chile/FCAB/FCAB_Atacama.htm) und der Codelco betriebene nördliche Meterspurnetz verbindet Häfen und Minenzentren und stellt die Verbindung nach Bolivien und Argentinien her. Personenverkehr findet nicht mehr statt.

So haben Reisezüge auf der Longitudinalbahn früher ausgesehen, hier ein Dampfsonderzug nahe Baquedano in den 1990er Jahren. Foto: Günter Oczko
Im ehemaligen Lokdepot von Baquedano wurde ein Eisenbahnmuseum für das Schmalspurnetz eingerichtet. Foto: Karl-W. Koch, 2019

Von Santiago Richtung Süden nach Temuco und Puerto Montt (Entfernung ca. 1000 km) erstreckt sich ein Breitspurnetz (1676 mm), das heute noch ca. 3400 km (davon ca. 1700 km elektrifiziert) umfasst. Der Übergangspunkt zum nördlichen Schmalspurnetz befand sich in La Calera. Die heutige, breitspurige Strecke zwischen Santiago und Valparaíso wurde 1863 eröffnet, weist im Gegensatz zu den Strecken Richtung Süden heute allerdings nur noch geringen Verkehr auf. Ausnahme: der Tren del Recuerdo von Santiago nach Limache: (https://entren.cl) und die Metro von Valparaíso nach Limache (https://www.efe.cl/nuestros-servicios/metro-valparaiso/servicio-y-trazado/).

Das staatliche Breitspurnetz-Netz (Empresa de los Ferrocarriles del Estado EFE https://de.wikipedia.org/wiki/Empresa_de_los_Ferrocarriles_del_Estado) soll künftig wieder stärker für den Personenverkehr ausgebaut werden. Die Güterverkehrssparte wurde ausgegliedert und wird von der privaten FEPASA (www.fepasa.cl und https://de.wikipedia.org/wiki/Ferrocarril_del_Pac%C3%ADfico_(Chile) betrieben.

Den Großteil des Reiseverkehrs innerhalb des Landes und in die Nachbarländer bewältigen heute Busse. Ein durchgehender Fernreisebus benötigt für die Strecke von Santiago nach Arica im Norden des Landes, an der Grenze zu Peru, ca. 24 Stunden, etwa gleich lange quer über den Kontinent nach Buenos Aires. Personenzüge über die Andenpässe in die Nachbarländer gibt es schon seit einiger Zeit nicht mehr. Daneben existieren Flugverbindungen zwischen Santiago und Regionalflughäfen.

Am Bahnknoten San Rosendo im südlichen Breitspurnetz existiert noch die Ruine des Rundschuppens des Bahnbetriebswerks. Der Zug (im Vordergrund) mit Cellulose von der Fabrik in Mininco hat auf seinem Weg Richtung Concepción – Talcahuano soeben die Laja-Flussbrücke passiert. Die Waldbestände im Süden werden intensiv industriell genutzt. Foto: Mauro C. | @portafolio.ferroviario,, 2020; Bild Arica/Mauro: 01_Bild_03_Mauro_DJI_0623

BU: Die meterspurige Strecke von der Hafenstadt Arica im äußersten Norden Chiles nach La Paz/Bolivien hatte nie eine Verbindung zum chilenischen Netz. Die 1996 privatisierte Bahn ging 2005 Bankrott und lag jahrelang still, erst im Mai 2021 wurde sie wieder in Betrieb genommen. Der Fotograf Mauro C. (@portafolio.ferroviario) war mit seiner Fotodrohne dabei, als der erste Zug mit Stahlcoils die Hafenstadt Arica verließ.

(https://en.wikipedia.org/wiki/Arica–La_Paz_railway),

Buch zum Download: Alberto Decombe E.: “Historia del Ferrocarril Arica-La Paz”, 1913

http://www.memoriachilena.cl/temas/documento_detalle.asp?id=MC0014152

Zeugnisse der Eisenbahngeschichte

Eine Vielzahl von Zeugnissen der Eisenbahngeschichte blieb erhalten, präsentiert sich allerdings – häufig trotz Denkmalstatus – nicht immer im besten Zustand. Prominent ist die historische Alameda Kopfstation, der Zentralbahnhof Santiagos mit seiner stählernen Halle, ein Entwurf Gustave Eiffels, erbaut 1897 von Schneider-Le Creusot und seit 1983 Denkmal. Unter Denkmalschutz stehen etliche, z.T. umgenutzte Bahnhöfe und ehemalige Eisenbahnwerkstätten, so San Bernardo und San Eugenio im Raum Santiago.

Das Malleco-Viadukt ist eine Eisenbahnbrücke in der Región de la Araucanía in Chile, die bei dem Ort Collipulli das Tal des Malleco überquert, einem Zufluss des Río Bío Bío. Sie ist die höchste noch in Betrieb stehende Eisenbahnbrücke Chiles und steht auf der chilenischen Vorschlagsliste als mögliches UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Malleco-Viadukt wurde 1886-1890 im Zuge der Staatsbahn-Strecke von Santiago de Chile nach Puerto Montt im Abschnitt zwischen Angol und Traiguén errichtet. Es überquert den Malleco in einer Höhe von 102 m und ist damit Chiles zweithöchste Brücke, nur der Conchi-Viadukt auf der früheren Strecke von Antofagasta nach Bolivien ist um einen Meter höher.

Die eingleisige Brücke ist zwischen den Widerlagern insgesamt 347,5 m lang und 4 m breit. Sie ist in 5 Felder mit einer Spannweite von je 69,5 m unterteilt. Das Gleis liegt auf den weitmaschigen, stählernen Gitterträgern, die von vier Fachwerkpfeilern getragen werden. Der erste und der vierte Pfeiler ist jeweils 43,7 m hoch, der zweite 67,7 m und der dritte 75,7 m. Die diagonalen Verstrebungen zwischen den Pfeilern und dem Überbau sowie die schmaleren Pfeiler am Anfang und am Ende der Brücke wurden später eingefügt, um die Brücke an das gestiegene Gewicht der Fahrzeuge anzupassen. (Quelle: https://www.deinlexikon.de/wiki/Malleco-Viadukt u.a.)

1981, als Günter Oczko dieses Foto machte, regierte im Güterverkehr noch die Dampftraktion.

Auf der Hauptstrecke Santiago – Temuco sind mehrere große Viadukte über Flusstäler, so der eindrucksvolle stählerne Malleco-Viadukt, bis heute Teil des aktiven Netzes. Nicht weit davon, in Temuco, existiert seit Jahren ein Eisenbahnmuseum (LINK: https://www.interpatagonia.com/temuco/pablo-neruda-railway-museum.html sowie https://www.archdaily.com/918681/railway-museum-pablo-neruda-chauriye-stager-arquitectos) des Breitspurnetzes in einem großen Ringlokschuppen mit Drehscheibe, die mit großem architektonischem Aufwand überdacht wurde. Zur Anlage gehören auch ein alter Bahnhof, der große Beton-Kohlenbunker und Werkstätten. Es ist nun dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem politisch engagierten Schriftsteller Pablo Neruda (1904-1973) gewidmet, dessen Vater Eisenbahner in Temuco war.

Der beeindruckende Ringlokschuppen von Temuco beherbergt das Eisenbahnmuseum des südlichen Breitspurnetzes, inzwischen wurde es mit hohem architektonischen Aufwand überdacht. Es ist dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem politisch engagierten Schriftsteller und Nobelpreisträger Pablo Neruda (1904-1973) gewidmet, dessen Vater Eisenbahner in Temuco war. Foto: Miguel Carrasco Q. (Creative Commons 3.0)

Im Quinta Normal Parkgelände in Santiago fanden eine Reihe von Dampflokomotiven und Waggons Aufstellung und können dort frei besichtigt werden. In Baquaedano, einem Knotenpunkt des nördlichen Meterspurnetzes, wurde im ehemaligen, 1983 unter Denkmalschutz gestellten Dampflokschuppen ohne großen Aufwand ein Eisenbahnmuseum eingerichtet, in dem eine Reihe von Dampfloks und Waggons aufbewahrt werden. Eine Sammlung von Fahrzeugen der Transandino-Bahn findet sich im teilaktiven Depot von Los Andes am Beginn der Strecke. Weitere Eisenbahnfahrzeuge stehen als Denkmäler im ganzen Land verteilt.

Dieses meterspurige Kraftpaket der FCTC (Ferrocarril Transandino Chileno), 1909 von Kitson Meyer gebaut, verkehrte jahrzehntelang auf der Transandino-Bahn und wird bis heute im Depot von los Andes aufbewahrt. Foto: Günter Oczko, 1991

Das stählerne Viadukt der Nitratbahn FC de Pampa Joya über den Loa bei Maria Elena (100 km nordöstlich von Tocopilla) steht seit 90 Jahren ungenutzt in den Atacama-Wüste. Errichtet wurde es 1929 von Krupp Rheinhausen, die Strecke Mitte 1930 elektrifiziert und bereits 1931 aufgegeben.

Bild Loa-Viaduct David Hunter: 01_Bild_02_Conchi-Viaduct_Scary Bridges_large_David Hunter.jpg

BU: Ein stählernes Trestle-Viaduct über den Loa, auch „Conchi-Viaduct“ genannt, 102 Meter hoch, 224 Meter lang, wurde 1888 im Zuge der Eisenbahn von Antofagasta nach Bolivien 70 Kilometer nach Calama errichtet und seit 1914, als die Bahn umtrassiert wurde, als Fahrweg und Rohrleitungstrasse benutzt. Foto: David Hunter, 2012 (Bildstrecke zur Brücke auf der Webseite des Fotografen: https://scarybridges.com/Issue_2_Dec_2012/ )

Industriekultur

Die staatliche Denkmalpflege hat eine erstaunliche Fülle von Industrieobjekten unter Schutz gestellt, einige Stätten wurden zum UNESCO-Welterbe, andere stehen auf der chilenischen Vorschlagsliste. Das öffentliche Interesse an der Geschichte von Industrie und Eisenbahn ist groß, neben der chilenischen Sektion von TICCIH gibt es eine Vielzahl von Initiativen und privates Engagement für die Erhaltung und Erforschung der Industriegeschichte. Das Beispiel eines Internetportals findet sich in der Region Bio-Bio, der industrialisierten Region um Concepcion (https://patrimonioindustrialbiobio.cl/).

Ein interessantes Phänomen ist, dass die verlassenen Company Towns trotz ihrer abgelegenen Lage für viele Chilenen ein Ort der lebendigen Erinnerung sind – durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass alleine in Sewell in etwa 60 Jahren rund 80.000 Kinder geboren wurden.

Spiel mir das Lied vom … Salpeter. Letzte bewohnte Company Town in der chilenischen Pampa: Maria Elena. Foto: Ignacio Infante Cobo | @ingnacioinfante, 2010

Wir bedanken uns bei allen Fotografen und Bildleihgebern für die freundliche Kooperation.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Karl-W.Koch,Mehren, Karl-W. KOCH und Miguel Carrasco Q.