Archiv für den Monat: September 2010

Stuttgart: Teilabriss des Hauptbahnhofs unter Protesten begonnen

Architekten, die dem Bahnhof große Bedeutung als einmaliges Zeugnis der Architektur der 1920er-Jahre zumessen, kritisieren laut wikipedia den Abriss der Seitenflügel, da der Gesamteindruck des Gebäudes dadurch stark verändert werde. Einem von Matthias Roser initiierten Internationalen Aufruf für den Erhalt des Hauptbahnhofs (einschließlich der Seitenflügel) schlossen sich unter anderem der Pritzker-Preisträger Richard Meier und der Architekt David Chipperfield an. Sie betrachten den Bonatzbau als eines der bedeutendsten Bahnhofsbauwerke des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa und lehnen seine Veränderung ab. Im November 2009 appelierten Mitglieder des Internationalen Rates für Denkmalpflege an die verantwortlichen Politiker, den Hauptbahnhof vollständig zu erhalten und regten an, den Bahnhof in die Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe aufzunehmen.

Im Oktober 2008 präsentierte die „Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart“ in Berlin einen Aufruf für den Erhalt des Bahnhofsgebäudes. Dieser wurde von mehr als 270 Architekten und Denkmalschützern aus mehreren Ländern unterstützt. Gegen den Abriss wendet sich ferner eine 2008 am Deutschen Bundestag von knapp 5.000 Menschen eingereichte Petition, die vom Petitionsausschuss seither geprüft wird (Stand: Mai 2010).

Auch die Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung Baukultur, Michael Braum, und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, kritisieren in einer gemeinsamen Pressemitteilung den geplanten Abriss als „Planungsverständnis aus dem vergangenen Jahrhundert“ und stuften ihn als „prominentestes Beispiel derjenigen Verkehrsprojekte ein, die unsere Städte und Landschaften verunstalten“.

Das denkmalgeschützte Gleisvorfeld mit seinen Überwerfungsbauwerken soll ebenfalls entfernt werden; ebenso ist der Abbruch der hinteren Teile des benachbarten Direktion geplant.

Informationen und Links zur aktuellen Situation finden Sie u.a. bei Wikipedia sowie in der Stuttgarter Lokalpresse Zum Projekt Stuttgart 21 bei wikipedia

Köln: „Tag der Strunde“ erregt die Gemüter – Negierung des industriekulturellen Erbes beklagt

Völlig überrascht zeigte sich die Öffentlichkeit über die Pläne der Kölner Stadtentwässerungsbetriebe zur Verlegung des Bachlaufs der Strunde zwischen der Hardthofstrasse und dem Grafenmühlenweg. Bisher war hier nur vom Neubau eines Fuss- und Radwegs die Rede. Die historischen Mühlenstandorte Hardtmühle (Gipsmühle), Thurner Mühle (Fa. Menrath) und Gräfenmühle (Radium Gummiwerke) sollen sollen in Zukunft nicht mehr an der Strunde liegen.

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Die Eigentümer der Gipsmühle, die über eine Turbinenanlage Strom durch Wasserkraft erzeugen, wurden nach eigener Aussage nicht von den Plänen informiert. Sie wollen auf ihre angestammten Wasserrechte nicht verzichten und haben eine Unterschriftenaktion gestartet. Die Eigentümer der Thurner Mühle und der Gräfenmühle dürften sich nach verbreiteter Einschätzung dieser Haltung anschließen. Die Stadtentwässerungsbetriebe, seit Jahresbeginn 2010 für die Pflege der Fliessgewässer verantwortlich, verweisen auf die Verpflichtungen zur Renaturierung der Strunde im Rahmen der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (die industrie-kultur berichtete). Der wohl im Frühmittelalter hergestellte, neue Bachverlauf der Strunde, teils in Dammlage, solle auf die der ursprüngliche Form zurückgeführt werden; das künstlich erzeugte Gefälle solle durch leicht überwindbare Absätze reguliert werden. Gegner des Ausbaus verweisen auf die bereits jetzt stark zurückgegangene Wassermenge und die Einleitung zahlreicher Oberflächenwässer in den Kölner Randkanal.

In Holweide, dessen historische Ortsteile Schweinheim und Wichheim sich entlang der Strunde erstrecken, droht dem historischen Mühlen- und Fabrikstandort „Schweinheimer Mühle“ und der umgebenden Landschaft eingreifende Veränderung. Die Eigentümer der „Kölner Baumwollbleicherei“ planen nach Presseberichten Abriss und Neubebauung des Geländes mit Wohnhäusern. Die im vergangenen Jahr stillgelegte Papierfabrik dokumentiert mit ihrem Baubestand seit 1873 die Entwicklung vom Mühlen- zum Fabrikstandort. Als Teil der Ortslage Wichheim-Schweinheim ist sie Teil einer historischen Kulturlandschaft entlang der Strunde. Vertreter der örtlichen Bürgerschaft plädieren dafür, dies durch Eintragung in die Denkmalliste und Ausweisung eines Denkmalbereichs anzuerkennen. Vielen bleibt unverständlich, warum der Bereich der Schweinheimer Mühle bisher nicht im Rahmen der Strunde-Planungen betrachtet und den gleichen Maßstäben unterworfen wurde. Generell wird beobachtet, dass die – in den ursprünglichen Planungen integrierte – industriegeschichtliche Seite der „Kulturlandschaft Strunde“ inzwischen etwa bei den Radium-Werken oder der Kölner Baumwollbleicherei völlig ignoriert wird. Dadurch droht nach Auffassung der örtlichen Initiativen und Historiker eine Verfälschung der tatsächlichen „Bachhistorie“ und ihrer Zeugnisse, die ganz wesentlich von der gewerblichen Nutzung geprägt ist. Statt dessen werde eine „Renaturierung“ selbst dort betrieben, wo der Bach erst durch menschliche Eingriffe existiere. Aber auch eine konsequente Sicherung und Erweiterung des „Grünzugs“ Strunde finde, wie jüngste Baumaßnahmen zeigten, nicht statt. Dass es auch anders gehe, zeigten die Projekte im Bergisch Gladbacher Teil der Strunde; hier habe die Sicherung der Gartenstadt Gronauer Waldsiedlung und die Entwicklung des Wachendorff-Geländes – vergleichbar der „Kölner Baumwollbleicherei“ mehr Wert auf den tatsächlichen Erhalt und die Aufwertung kultureller Ressourcen gelegt.

Pressemitteilung der Stadt Köln zum „Tag der Strunde“

„Nachdem die Planungen für das Regionale 2010-Projekt "Kultur- und Landschaftsachse Strunder Bach" abgeschlossen sind, möchte das Amt für Landschaftspflege und Grünflächen die Bürgerinnen und Bürger näher mit dem anspruchsvollen Vorhaben bekannt machen. Deshalb lädt es am Sonntag, 5. September 2010, zum ersten Tag der Strunde ein. Die Städte Köln und Bergisch Gladbach organisieren gemeinsam mit einer Vielzahl von Bürgervereinen, Initiativen und Privatpersonen an verschiedenen Orten Veranstaltungen oder machen ihre Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich. In vergangenen Jahrhunderten hatte die Strunde den Ruf, der fleißigste Bach Deutschlands zu sein. Der Grund dafür waren die über 50 Mühlen, die an ihrem nur 18 Kilometer langen Lauf von Herrenstrunden bis Mülheim klapperten. Eine Reihe von ihnen steht noch, bei einigen ist sogar das Mühlrad erhalten. Hinzu kommen Wasserburgen und Gutshöfe, die an den früheren Stellenwert der Strunde erinnern. Diese Baudenkmäler waren es gemeinsam mit der schönen rechtsrheinischen Landschaft, die die Stadt Köln veranlassten, die "Kultur- und Landschaftsachse Strunder Bach" zu einem ihrer RegioGrün-Projekte im Rahmen der Regionale 2010 zu machen. Dieses Strukturprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen gibt einer Region die Möglichkeit, ihre Stärken und Potenziale zu präsentieren. Entlang der Strunde entsteht eine durchgehende Wegeverbindung zum Spaziergehen, Wandern und Radfahren. Außerdem präsentieren drei Themenareale auf Kölner Stadtgebiet als so genannte Lupenräume besonders sehenswerte Punkte an der Strunde und machen die kulturlandschaftliche Entwicklung des Bachs deutlich.“

Link zur Regionale 2010 

Link zu RegioGrün

Programm des "Tag der Strunde" als Download

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