Archiv für den Tag: 21. April 2010

Köln: Ehemalige Müllverwertungs-Anstalt soll in Kürze abgebrochen werden

Die „Müllverbrennungs- und Verwertungsanstalt“ in der Emdener Strasse war das Herzstück einer in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre umgesetzten innovativen Müllentsorgung in den zentralen Kölner Stadtteilen. Hierfür wurde der Müll in sog. „Wechseltonnen“ gesammelt und mit Elektrokarren zu insgesamt acht Umladestationen gebracht. In Großraumwagen wurde er von dort nach Niehl transportiert. Den Bau der Verwertungsanlage in Niehl hatte der Stadtrat am 26. November 1925 beschlossen. Man entschied sich dabei für das System der „Musag“; die „Müll- und Schlackenverwertungsanlagen AG“ war eine Gemeinschaftsgründung eines Berliner Unternehmens und der traditionsreichen Kalker Maschinenbauanstalt Humboldt. Das Konzept der Musag sah vor, die für Köln charakteristische, kaum brennbare Braunkohle-asche herauszusieben und den verbleibenden Grobmüll zu verbrennen. Aus der Braunkohlenasche sollte in einem Sinter- bzw. Schmelzverfahren eine harte Schlacke erzeugt werden, aus der Pseudo-Vulkansteine und Platten hergestellt werden sollten. Zudem sollten Dampfturbinen in der Müllverbrennungsanlage Strom für die städtischen Elektrizitätswerke erzeugen. Zwar wurden die auf der für diese Zeit typischen Rationalisierungs- und Verwertungsgedanken und die damit verbundenen hochtrabenden Gewinnerwartungen der Musag bereits durch stadteigene Berechnungen gedämpft; trotzdem versprach sich auch der Stadtrat von dem Projekt zumindest einen ausgeglichenen Betrieb. Als Musteranlage sollte die Müllverwertung zudem der Förderung der lokalen Industrie sowie der Werbung für das neue Niehler Industriegebiets dienen.

Im September 1926 begannen die Bauarbeiten; am 1. April 1928 konnte der Probebetrieb in Verbrennungsanlage und Steinfabrik aufgenommen werden. Während die Verbrennung des Grobmülls weitgehend reibungslos funktionierte, stiess die Sinterung der Asche und die Herstellung der Schlackeprodukte auf ständige technische Probleme. Als aufgrund der Weltwirtschaftskrise auch noch der Absatz wegfiel, stellte man die Steinproduktion ein und musste so auf die geplante Gegenfinanzierung verzichten, was zu hohen Kosten führte. Altenativ versuchte man, die Schlacke als Düngemittel abzusetzen; schließlich blieb nur die Deponierung.

Die aufgrund des geplanten Mustercharakters der Anlage aufwendige architektonisch-städtebauliche Gestaltung der Anlage übertrug man Hans Mehrtens, einem der Mitarbeiter der Stadtbaurats Adolf Abel. Dieser schuf ein eindurchsvolles Bauensemble in Stahlfachwerk mit Backsteinausfachung, das in seiner Verbindung von betonter Funktionalität und strenger Symmetrie die Vorgänge im Innern durch ihre baulichen Hüllen sichtbar machte. Der Müll wurde in einer großen Halle angeliefert, unterirdisch gesammelt und über zwei auch aussen sichtbare Förderanlagen aufwärts transportiert, um die Siebanlage zu durchlaufen. Der zur Verbrennung vorgesehene Müll wurde in Öfen verbrannt, in deren Kessel Heißdampf zur Stromerzeugung produziert wurde. Der „Feinmüll“ wurde – so zumindest die ursprüngliche Idee – in anderen Ofenanlagen zu Schlacke gesintert und dann in einer „Steinfabrik“ weiterverarbeitet. Heute nicht erhalten ist das hochaufragende Kesselhaus der Ofenanlage; die Bauten der Steinfabrik sind dagegen noch erhalten.

Schon nach gut zehn Jahren, im März 1939, wurde die Müllverbrennung wieder eingestellt und der Müll ausschließlich deponiert. Die Baulichkeiten wurden wohl zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von der Chemieanlagenfirma Schmidding übernommen. Ihre Rakatenantriebe spielten eine bedeutende Rolle in der Rüstungspolitik. Nach dem Weltkrieg betätigte sich Schmidding im Spezial-Chemieanlagenbau.

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Der Architekt Hans Mehrtens blieb auch in den 1930er Jahren in Köln aktiv; sein bedeutendstes – und heute schrittweise restauriertes – Werk ist der 1935/36 errichtete Flughafen Butzweiler Hof. Nach dem Krieg war Mehrtens Professor für Entwerfen und Industriebau an der RWTH Aachen.

Die ehemalige Kölner Müllverwertungs-Anstalt ist ein ungewöhnlich vielschichtiges Denkmal. Als ambitionierte, aber gescheiterte Investition dokumentiert sie die städtischen Bemühungen um auch ökonomisch profitable Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur einerseits und das Innovationsstreben der Kölner Industrie andererseits.

Siedlungs- und baugeschichtlich steht sie zum einen für den Beginn der Erschließung des neuen Industriegebietes am Niehler Hafen, zum anderen für das hohe architektonische Niveau der kommunalen Bauverwaltung, die hier einen der überzeugendsten modernen Industriebauten der Zeit realisierte. Dass dieser Rang seinerzeit wahrgenommen und anerkannt wurde, zeigen die nicht wenigen zeitgenössischen Veröffentlichungen.

Dank der frühen Umnutzung durch die Schmidding-Werke, die ihrerseits weitere qualitätvolle Bauten in dem Areal erstellt haben, blieb auch über den Weltkrieg hinweg dieses herausragende industriearchitektonische Ensemble in großen Teilen original erhalten. Seit geraumer Zeit ist es allerdings weitgehend um- bzw. ungenutzt; im März 2010 verliess der letzte Mieter das Areal. Die Eigentümer planen nach eigenen Angaben, auf dem Gelände ein Logistikcenter zu errichten. Mit dem Abbruch der Altbauten solle in Kürze begonnen werden, hieß es von mehreren Seiten.

Der Rheinische Verein setzt sich deshalb gemeinsam mit seinen Partnern im Kölner Haus der Architektur, dem Architekturforum Rheinland und dem Verein Rheinische Industriekultur, mit Nachdruck dafür ein, dieses bedeutende industrie-, architektur- und stadtgeschichtliche Monument endlich in die Denkmalliste aufzunehmen und damit das öffentliche Interesse an seinem Erhalt deutlich zu machen. Dies könne die Grundlage eines angemessenen und zukunftsfähigen Nutzungs- und Entwicklungskonzeptes für Bauten und Gelände bilden.

Zum Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers

Nachtrag: Pressemeldung zum Abbruch

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Waltrop-Henrichenburg: Industriepionier unter drei Kaisern – LWL-Industriemuseum im Schiffshebewerk zeigt Ausstellung über den Schiffbauingenieur Rudolph Haack

Bilder, Dokumente und Schiffsmodelle – viele davon bisher unbekannt – werfen Schlaglichter auf das Arbeitsleben Haacks, auf die Schifffahrtsgeschichte und die Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Präsentation im Hafenmeistergebäude findet begleitend zur Kulturhauptstadt-Ausstellung "Helden. Von der Sehnsucht nach dem Besonderen" statt, die der LWL bis zum 31. Oktober in seinem Industriemuseum Henrichshütte Hattingen zeigt.

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­­Schiffbauingenieur Rudolf Haack in einem zeitgenössischen Porträt (Repro: LWL)

Rudolph Haack wurde am 17. Oktober 1833 in Wolgast/Pommern geboren. Er starb 1909 und erhielt an der Schachtschleuse Henrichenburg in Waltrop ein bemerkenswertes Denkmal. Dazwischen liegt eine außergewöhnliche Karriere. Während einer Bildungsreise in England lernte Haack, Meister für den Holzschiffbau, um 1850 den industriellen Eisenschiffbau im großen Stil kennen. Großbritannien war zum Lehrer Europas geworden. In Deutschland steckte der industrielle Schiffbau noch in den Anfängen. Kapital wurde gebraucht, Fachleute waren gesucht.

1856 wurde in Grabow bei Stettin an der Oder die Maschinenbau-Actiengesellschaft "Vulcan" gegründet. Am Aufbau ihres Werft-Betriebs war der Schiffbaumeister Rudolph Haack von Anfang an beteiligt. 15 Jahre später wurde unter seiner Leitung zum ersten Mal ein großes Panzerschiff für die kaiserliche Marine auf einer Privatwerft gebaut. Für den jungen Prinzen Wilhelm, den späteren Kaiser Wilhelm II., blieb der Stapellauf der "Preussen" am 22. November 1873 ein unvergessliches Kindheitserlebnis. In mehreren Reden und in seinen Erinnerungen kam Kaiser Wilhelm II. darauf zurück. Große Schiffe aus Eisen brauchten nun nicht länger in England gekauft zu werden.

Rudolph Haack stieg zum Schiffbaudirektor der "Vulcan" auf. Weitere bedeutende Schiffsbauten folgten. Darunter das Panzerschiff "Ting Yuen" für die chinesische Marine. Auch andere Werften und die deutsche Eisen- und Stahl-Industrie profitierten davon. England bekam Konkurrenz. Die Befreiung von britischem Know-how war eingeleitet. Haack hat diesen Umbruch vom Holzschiffbau zum Eisen- und Stahlschiffbau eingeleitet. Schon zu Lebzeiten war er in Fachkreisen eine Legende.

1887, nach 30 Jahren, endete Haacks Arbeit für die Stettiner "Vulcan". Eine zweite Karriere als unab-hängiger Ingenieur, als Gutachter und als Forscher folgte. Haack hielt Vorträge zu aktuellen Fragen aus der militärischen und der zivilen Schifffahrt. Für das preußische Ministerium der öffentlichen Arbeiten begutachtete er Entwürfe für das Schiffshebewerk Henrichenburg am geplanten Dortmund-Ems-Kanal, und er untersuchte den Wasserwiderstand von Schiffen auf diesem Kanal. Er erhielt den Titel Königlicher Baurat und wurde zum Mitglied der Akademie des Bauwesens berufen. Die honorige Schiffbautechnische Gesellschaft, deren Gründung er mit befördert hatte, verlieh ihm die Ehrenmitgliedschaft.

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Das Schiffshebewerk Henrichenburg (1899) bei Waltrop: Rudolph Haack war als Gutachter bei den vorbereitenden Planungen beteiligt (Repro: LWL)

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Erstmals versucht eine Ausstellung, Haacks Arbeitsleben an Hand von Bildern und Dokumenten aus der zivilen Schifffahrt und aus der Marine darzustellen. Was verbindet Haack mit China? Welche Rolle spielte er in dem brisanten Streit, der bis in die höchsten Kreise der Marine führt? Warum akzeptierte Kaiser Wilhelm II. ihn als unparteiischen Gutachter? Auf den Grundlagen neuer Forschung und Quellen hat Dr. Eckhard Schinkel, Wissenschaftlicher Referent beim LWL-Industriemuseum, eine Ausstellung entworfen und ein Buch mit herausgegeben, das ein faszinierendes Geschichtspanorama mit Schlaglichtern auf das Arbeitsleben Haacks, auf die Schifffahrtsgeschichte und die Industrie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wirft.

Ist Rudolph Haack ein "Held der Technik"? Selbst seine Weggefährten und Zeitgenossen hätten ihn wohl kaum mit so einem Schlagwort belegt. Rudolph Haacks Arbeitsleben und seine einzigartige Karriere sind ein Spiegel für wesentliche Entwicklungen der Industrialisierung und Maritimisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ausstellung und Begleitbuch sind Ergebnisse der Forschungs-Kooperation des Deutschen Schiffahrtsmuseums Bremerhaven, und des LWL-Industriemuseums.

Am Sonntag, 25. April, um 11 Uhr wird die Ausstellung von Gertrud Welper, stellvertretende Vorsitzende der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe, eröffnet. Dr. Eckhard Schinkel führt in die Ausstellung ein. Der Saxophonist Claudius Reimann wird mit verschiedenen Saxophonen den Rahmen für die Eröffnungsveranstaltung bilden.

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Historischer Plan der Schachtschleuse Henrichenburg (Repro: ­LWL)

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