Archiv für den Monat: August 2008

Belval/Luxemburg : Kolloquium zur Gründung des „Nationalen Zentrums für Industriekultur“

Das Kolloquium fand im Rahmen der Einrichtung eines Nationalen Zentrums für Industriekultur am Standort der Hochöfen von Belval statt und hatte zum Ziel, die heutige Situation von Orten, Strukturen und Netzwerken,  der Forschung und Lehre von Wissenschaft und Technik im weiten Feld der Industriekultur abzubilden.

Eines der Kennzeichen des Kolloquiums war seine Internationalität. Zusammengesetzt aus Vertretern von Museen, Netzwerken, Archiven, Vereinigungen  und Hochschulen aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg, erlaubte diese Veranstaltung die Bewertung der verschiedenen Ansätze beim Schutz und Neubewertung des Industriellen Erbes.

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Der erste Teil des Kolloquiums widmete  sich den Strukturen und Netzwerken in den alten Industriegebieten der Ruhr, der Saar und Luxemburgs. Auch wenn die Industriearchäologie in England entstand, sind Ruhr- und Saargebiet dem gefolgt und haben große Anstrengungen unternommen beim Erhalt von historischen Schauplätzen der Montanindustrie: Bergwerken, Kokereien und Hüttenwerken und ihrer Infrastruktur.

Unter dieses ragen die „Völklinger Hütte“ und die „Zeche Zollverein“ als Weltkulturerbe-Stätten heraus. Unter Aufsicht der UNESCO verfolgen diese beiden Stätten ein konsequentes Programm des Denkmalschutzes und sind vorbildliche touristische Attraktionen geworden. Das alte Bergwerk Göttelborn, das in jüngerer Zeit als Erneuerungsprojekt gestartet wurde, setzt völlig auf innovative Technologien und Kultur, etwa durch sein Solarkraftwerk und seine internationalen Künstlerworkshops. Die Gemeinde des Ballungsraumes „Fenschtal“ verfolgt noch eine andere Strategie: der beleuchtete Hochofen von Uckange ist selbst Kunstwerk geworden.

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Erfahrungen der Zusammenarbeit wurden am Beispiel des Museums- und Denkmalnetzwerkes „Route der Industriekultur Emscher-Park“, der „Industriekultur Saar“ und der technik- und kulturgeschichtlichen Museen der Franche Comté diskutiert. Die Einbindung aktiver Industriebetriebe gilt dabei als wichtiger Garant für öffentliche Aufmerksamkeit.In diesem ersten Teil des Kolloquiums gaben die Beiträge aus Luxemburg einen Einblick in die Industriegeschichte der Bergbauregion und präsentierten eine im Internet nutzbare Datenbank, ein in diesem Bereich unverzichtbares Werkzeug. Als aktuelles Beispiel der Umnutzung eines Industriedenkmals wurde die Gebläsehalle von Belval vorgeführt, die im Jahre 2007 als Schauplatz für eine große Ausstellung über Nachhaltige Entwicklung diente.

Das Konzept für das Nationale Zentrum für Industriekultur, das am Ende dieses Tages vorgestellt wurde, berücksichtigt zahlreiche Aspekte, die im Laufe der Diskussion angesprochen wurden: Die Verankerung in der Geschichte des Ortes und der Region; die Mitarbeit der örtlichen Bevölkerung; die Vernetzung von Museen, Archiven und Bibliotheken, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Universität, Forschungszentren und Unternehmen. Das Konzept beabsichtigt die Verwirklichung eines Zentrums für sehr verschiedene Teile der Öffentlichkeit im Rahmen der „Stadt der Wissenschaft“. Die Ausweitung des Begriffes „Industriekultur“ in Richtung der Arbeit im Allgemeinen erlaubt die Schaffung eines wirksamen Ortes zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Der zweite Kolloquiumstag konzentrierte sich auf Aspekte der Archivierung, Erforschung und Ausbildung für die Industriekultur. Die luxemburgischen Nationalarchive und das Zentrum von ARCELORMITTAL France in Florange stellten ihr Arbeits- und Forschungsmethoden vor, die sich dank neuer Technologien schnell erweitern. Ein Projekt zur Erfassung der Industriefotografie im Saarland wurde von der Abteilung „Historisches Institut, Kultur und Mediengeschichte“ der Universität Saarbrücken verwirklicht.

Wenn der Beitrag über die lothringische Industrie einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Erforschung der Sozialgeschichte des französischen Bergbaugebietes gab, so führte der Beitrag über die Industriearchive der Wallonie in Bois-de-Luc in detaillierte Weise die Nutzung der Archive als mögliche Grundlagen einer gemeinsamen Erinnerung vor; gleiches zeigte auch die Darstellung der Archive und der Geschichte der luxemburgischen Eisen- und Stahlwerke.

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Abschließend wurde das thematische Potential des zukünftigen Nationalen Zentrums für Industriekultur hervorragend erläutert durch die Präsentation des interdisziplinären Forschungsprojektes „Rote Erde – Geschichte der luxemburgischen Eisen- und Stahlindustrie im 19. und 20. Jahrhundert“, ebenso wie die Rolle der Universität von Luxemburg als Vermittler und Standort für eine Kultur von Naturwissenschaft und Technik.

Das Kolloquium erlaubte einen globalen Blick auf unterschiedliche Ansätze beim Schutz, der Archivierung, Erforschung und Vermittlung der Industriekultur. Die bereits gemachten Erfahrungen werden sich als wertvoll erweisen für die Entwicklung des Nationalen Zentrums für Industriekultur. Das Projekt muß auf erfolgreiche Zusammenarbeit aufbauen. Dieses Kolloquium steht für einen guten Beginn!

Text u. Bilder aus: Magazine – le periodique du fonds belval – Ausg. 2/2008, S. 44-47

Weitere Informationen: www.fonds-belval.lu

Luxemburgische Industriekultur-Homepage

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Detroit: 100 Jahre Tin Lizzie oder Das Automobil für Alle

Besonders in den USA wird es gefeiert, das „Centennial“ des Ford Modell T, wie die offizielle Bezeichnung lautet. Vom ihm liefen zwischen 1908 und 1927 insgesamt mehr als 15 Mio. Exemplare vom Band – buchstäblich erst ab Januar 1914, denn ab dann baute man wirklich am Fließband in der Highland Park-Fabrik. Die angeblich aus den Chicagoer Schlachthäusern übernommene Fließband(ab)fertigung trug neben konstruktiven Faktoren ganz wesentlich bei zum geringen Preis und zur weiten Verbreitung des Wagens.

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Highland Park Plant

Die eigentliche Geburtsstätte des Wagens aber ist die kaum bekannte „Piquette Plant“ in Detroit, die nach wechselvoller Geschichte erst im Jahre 2000 zurück erworben wurde und anschließend eine historische Präsentation aufnahm. Es ist heute das einzige erhaltene Werk aus dieser Epoche in der Automobilmetropole Detroit.
PiquettePlant.jpg Piquette Plant

Die Automobilfabriken dieser Zeit, funktionale, flexible Stahlbetonskelettbauten, vor allem aber die integrierten Werke Henry Fords wie die "Rouge Plant", mit eigenem Hütten-, Stahl- und Walzwerk wurden zu weltweiten Vorbildern für die Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts.

Die Firma Ford begeht das Jubiläum mit „a year-long series of celebrations to honor the iconic vehicle“; es begann offiziell vom 7.- 9. März mit dem „2008 Amelia Island Concours d’Elegance“ in Florida; am 20 April traf man sich in Anaheim/Californien zu „Fabulous Fords Forever!“.

Höhepunkt der Events war sicherlich die „T Party 2008“ des Model T Ford Club of America am 21.-26. Juli in Richmond/Indiana, "expected to be the largest gathering of Model Ts since they left the factory“ mit fast eintausend Fahrzeugen.

Als letzte Möglichkeit, den Geburtstag zu datieren, wird der 1. Oktober angegeben, der Beginn der kommerziellen Fertigung. Das Ende der Produktion ist übrigens genauer bekannt: Am 26. Mai 1927 wurde mit einem Festakt der letzte Wagen verabschiedet.

Als sich Ford in den 1920er Jahren auch in Deutschland niederließ, wurden – zunächst in Berlin – nur noch wenige tausend Exemplare des „Modell T“ gebaut. Als das neue Werk am Rhein, in Niehl nördlich von Köln, fertiggestellt war, hatte sich auch Ford auf technisch und gestalterisch modernere Modelle umstellen müssen.

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Ford-Werk Köln-Niehl

Bis heute haben stolze Modell-T-Besitzer  aber ihre liebe Not damit, den Wagen auch zu bewegen – denn ihn zu fahren ist angesichts heutiger Automobiltechnik kein Kinderspiel.

nützliche Links: 

die Offizielle Ford-Mitteilung zum Jubiläum
Gesamtübersicht Veranstaltungen
Ford Motor Company Heritage site
Zur Biographie Henry Fords
Internationaler Modell-T-Club

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(Bilder: Ford, Archiv)

Köln: Letzter Rhein-Raddampfer bald ohne Dampf?

Die 1913 auf der Kölner Sachsenberg-Werft gebaute „Goethe“ der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt AG ist der letzte noch betriebene Seitenraddampfer auf dem Rhein. Er ist im Bereich des „Weltkulturerbes Mittelrheintal“ zwischen Koblenz und Rüdesheim im Einsatz. Das Schiff befindet sich allerdings nicht im Originalzustand; erst 1952 wurde es vom kombinierten Güter- und Passagierdampfer zum reinen Salonschiff umgebaut und 1996 nochmals intensiv überholt. Aus diesen Gründen ist das Schiff – im Unterschied zu den auf anderen deutschen Gewässern, etwa der Elbe, verkehrenden historischen Schiffen – nicht als bewegliches technisches Denkmal eingestuft. Die 1826 gegründete „Köln-Düsseldorfer“ feiert sich als „älteste durchgängig börsennotierte Aktiengesellschaft in Deutschland“mit einer umfangreichen Ausstellung in der Burg von Linz/Rhein (siehe industrie-kultur-Meldung vom April 2008).

Wie nun bekannt wurde, will die Köln-Düsseldorfer das Schiff im Anschluß an diese Saison, die bis Anfang Oktober dauert, im kommenden Winter mit einem neuen, dieselelektrischen Antrieb ausgestattet werden. Nach Angaben des „Freundeskreises“ werden dafür mehrere  Gründe angeführt: Der Maschinenstuhl der „Goethe“ habe einen Riss, der letztlich zurückgeht auf die einen Bombentreffer bei der Versenkung des Bootes im Zweiten  Weltkrieg; die Betriebskosten des Dampfers seien derzeit zu hoch; neue, in einigen Jahren gültig werdende  EU-Verordnungen  würden keine Betriebsbewilligung mehr zulassen.

In einer umfangreichen Pressemitteilung weist der „Freundeskreis“ darauf hin, dass die Maschine – die zu den wenigen erhaltenen Originalteilen des Schiffes gehöre – zu vergleichweise  geringen reparabel sei. Die Betriebskosten seien zwar  höher als bei anderen Schiffen, aber dies werde durch die Einmaligkeit und besondere Anziehungskraft der „Goethe“ wettgemacht.  In Deutschland und vor allem in der Schweiz würden historische Raddampfer mit hohem Aufwand erhalten stellte eine besondere, auch kommerziell wichtige Attraktion und Bereicherung dar. Die angeführte EU-Verordnung werde – nach Recherchen der „Dampferzeitung“- erst im Jahre 2018 für die „Goethe“ relevant; bis dahin sei eine – auch für zahlreiche andere, vor allem in Museumsbesitz betriebene Fahrzeuge erforderliche – Ausnahmeregelung erreichbar.

In einem ausführlichen Gespräch mit Arnim Bauer von der „Dampferzeitung“ erklärte der KD-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Hildebrandt – zugleich Geschäftsführer der Elbdampfschiffahrtsgesellschaft mit seiner historischen Dampferflotte, sinngemäß, daß die Verhältnisse auf dem Rhein andere seien; man habe mehrere Alternativen geprüft, aber da – im Unterschied zur Elbe – „niemand … den Dampfer unter Denkmalschutz stellen“ wolle und auch trotz politischer Interventionen keine Ausnahmegenehmigung in Sicht, sei nur ein völliger Umbau kaufmännisch vertretbar.

Der „Freundeskreis“ legt dagegen der Köln-Düsseldorfer nahe, sich mit der „Goethe“ ernsthaft gegen die immer beklagte Konkurrenz der kleineren Reedereien zu wenden und sie als „markantes“ Zeichen von Individualität zu pflegen.

Vor allem aber wehrt sie sich, auch angesichts der bereits wechselvollen Umbau-Geschichte der „Goethe“, nach Worten Bauers dagegen, „der Dampfmaschine des letzten Rheindampfers Goethe den Garaus zu machen“ und „das Schiff als eine Art Operettendampfer … mit dieselelektrischem Antrieb weiter zu betreiben“. Zumindest der charakteristische Signalton der Dampfpfeife, so heißt es in der Presse, sei bereits digitalisiert und werde so weiter  als Erkennungszeichen zu hören sein.

Quellen:

Homepage des „Freundeskreises Raddampfer Goethe e.V.“

Pressemitteilung

Artikel aus der „Dampferzeitung“ 2/2008

Pressemeldungen

Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach

Kölner Wochenspiegel vom 6. 8. 2008

Kölner Stadt-Anzeiger vom 13. 8. 2008 

Allgemeines zu Raddampfern: http://www.schaufelraddampfer.de

Foto: Freundeskreis Raddampfer Goethe e.V.

Ratingen: Ausstellung „Oberschlesien im Objektiv. Historische Fotografien“

Aus der umfangreichen Sammlung in Gleiwitz stammen Fotografien aus den 1860er bis 1930er Jahren. Auf die faszinierenden Atelieraufnahmen Wilhelm von Blandowskis aus den 1860er Jahren folgen eine einzigartige fotografische Dokumentation oberschlesischer Industrieanlagen vom Anfang des 20. Jahrhunderts sowie frühe Zeugnisse des Bildjournalismus u. a. von Max Steckel. Arbeitsleben und Alltag in einer durch die Montanindustrie innerhalb kürzester Zeit völlig umstrukturierten Region wurden ebenso fotografisch dokumentiert wie bäuerliche Motive vorindustrieller Zeit. Diese Perspektive nahm häufig Karl Franz Klose ein, einer der bekanntesten schlesischen Fotografen der 1930er Jahre, dessen Nachlass das Schlesische Museum zu Görlitz bewahrt. Viele Aufnahmen stammen von unbekannten Fotografen oder von Amateuren. Ergänzt wird die Schau in Ratingen durch historische Fotoaufnahmen aus dem Museum in Rybnik und durch Fotoutensilien, Fotoapparate und Zubehör aus Privatsammlungen. Die museale Aura vermitteln zusätzlich ausgelegte historische Fotografien und Alben aus den reichhaltigen Sammlungen des Oberschlesischen Landesmuseums. Solche fragilen Schätze werden nur selten gezeigt.

Das museumspädagogische Begleitprogramm regt dazu an, sich mit grundsätzlichen Prinzipien der Fotografie auseinanderzusetzen. Dazu gehören technische Aspekte wie die Untersuchung der Auswirkungen von Licht auf unterschiedliche Materialien ebenso wie inhaltliche Fragestellungen, die sich mit der Wirklichkeit der Bilder und den Möglichkeiten der Manipulation von Fotos befassen.

Der Katalog zur Ausstellung ist zum Preis von 12,00 EUR erhältlich.

Information und Kontakt:
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstr. 62, 40883 Ratingen
Tel: 02102/9650, Fax: 965400
e-Mail: info@oslm.de; Internet: www.oslm.de
Öffnungszeiten: di – so, 11 – 17 Uhr, mo geschlossen

Ehepaar.450.jpgFamilie in Rossberger Tracht zwischen Mietskasernen, Beuthen-Rossberg, 1920er/30er Jahre, Fotograf unbekannt (c) Muzeum w Gliwicach