Archiv für den Tag: 15. August 2008

Köln: Eröffnung des ersten Bauabschnittes des Rheinauhafens am 16./17. August

Mit der Einweihung wird ein erster erfolgreicher Abschluß der in den frühen 1990er Jahren begonnenen Neugestaltung des Hafenareals markiert. Das städtebauliche Konzept des im damals durchgeführten Wettbewerb siegreichen Architekturbüros BRT / Hadi Teherani aus Hamburg konnte zumindest räumlich weitgehend verwirklicht werden. Im Nutzungskonzept kam es allerdings zu erheblichen Veränderungen; vor allem der vorgesehene kulturell/öffentliche Anteil wurde bei weitem nicht realisiert.

teherani_1.450.jpgStädtebaulicher Entwurf BRT/Hadi Teherani, Hamburg, 1992

Ende April 2008 nahmen die deutsche TICCIH-Gruppe und die Mitarbeiter der Zeitschrift industrie-kultur die Gelegenheit wahr, die umfangreichen Baumaßnahmen, vor allem aber einige industriegeschichtliche Highlights des Hafens kennenzulernen  und – dank eines kürzlich dort neu installierten Anlegers – auch vom Wasser aus im Rahmen einer Rundfahrt auf dem Rhein kennenzulernen.

 

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Sieht man einmal vom mittelalterlichen Bayenturm ab, dem – nach schwersten Zerstörungen erst in den 1980er Jahren wieder aufgebauten – südlichen Eckpunkt der mittelalterlichen Stadtmauer, ist der älteste Bau des Hafens der in den 1850er Jahren noch auf der Außenseite der Einfahrt zum früheren Hafenbecken errichtete „Malakoffturm“. Er enthält heute einen Teil der Technik für den Antrieb und die Steuerung der Drehbrücke, die 1896 über der dann östlich des Turmes verlaufenden Einfahrt in den neuen Rheinauhafen errichtet wurde.

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Dieser 1898 fertiggestellte neue Rheinauhafen mit seinem nur ca. 600 m langen Becken war geprägt durch die mächtigen Bauten auf der flussseitig vorgelagerten Halbinsel: das Zollamt (heute Schokoladenmuseum) sowie zwei doppel- und ein fünfgeschossiges Lagerhaus in wuchtigen mittelalterlichen Stilen. Gleichzeitig entstand am Südende des Hafenbeckens in einer Mischung aus Romanik und flämischem Renaissancestil das Hafenamt.

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An der auch immer als Anlegeplatz genutzten  Außenseite des Hafengeländes (dem „Werft“) entstand zwischen 1907 und 1909 ein weiteres städtisches Großlagerhaus, das „Siebengebirge“; es wurde nach langen Überlegungen in den letzten Jahren in Eigentumswohnungen umgebaut. Ein weiteres Lagerhaus an der Westseite des Hafenbeckens dient heute als Atelierhaus „Rhenania“.

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Das übrige Hafengelände war überwiegend mit privaten Lagerhäusern sowie eingeschossigen Schuppen bebaut. Hinter dem Hafenamt waren das „Krafthaus“ für die Energieerzeugung der hydraulisch betriebenen Kräne sowie der Lokschuppen der Hafenbahn angeordnet. In den 1930er Jahren wurden elektrische Kräne angeschafft; auch der heute älteste Kran, der 1898 von der Firma Stuckenholz (Wetter/Ruhr) gelieferte Schwerlastkran "Hercules" am südlichen Ende der Kaianlagen wurde auf elektrischen Antrieb umgestellt. Bei der Stillegung des Hafens hat man sich bemüht, von jedem Krantyp ein Beispiel an markanter Stelle zu erhalten.

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Vorreiter der Umnutzung war der privat initiierte Umbau des nach Kriegszerstörungen nur fragmentiert erhaltenen, aber wegen seiner Lage auf der Spitze der Kai-Halbinsel besonders bedeutenden Zollamtes zum Schokoladenmuseum in den frühen 1990er Jahren. Damit wurde an die Tradition der Schokoladenherstellung durch die Firma Stollwerck im benachbarten Severinsviertel  angeknüpft. Mit dem Zollamt wurden auch Malakoffturm und Drehbrücke an den neuen Eigentümer verkauft, der heute für deren Erhaltung sorgt.

Von den drei Zollhallen wurde der nördliche, flache Speicher Ende der 1990er Jahre zum Deutschen Sport- und Olympiamuseum ausgebaut, wobei die historische Erscheinung des Baukörpers gewahrt blieb. Der mittlere, als „Halle 11“ bekannte Hochbau, dessen wasserseitige Fassade nach dem Krieg teilweise erneuert wurde, wird derzeit zu Wohnungen umgebaut. Das dritte, niedrige Lagerhaus steht noch leer.

vista_rhein.450.jpg Die Kranhäuser, Entwurf Hadi Teherani und Linster – Architekten + Generalplaner, Trier (Quelle: Pandion AG)

Inzwischen sind auf vielen frei- oder bisher meist nur eingeschossig bebauten  Flächen mehrgeschossige Neubauten fertigestellt oder im Bau. Städtebaulich herausragend sind die rechtwinklig zum Rhein eingeordneten drei „Kranhäuser“ (Entwurf Hadi Teherani, Hamburg, und Linster – Architekten + Generalplaner, Trier) von denen ebenfalls zwei bereits weitgehend fertiggestellt sind. Das dritte wird in Kürze vom Investor des „Siebengebirges“, der Pandion AG, als einziges Wohnhaus des Trios realisiert.

Vor allem die Neubauten der letzten Jahre haben den enormen städtebaulichen Maßstabssprung deutlich gemacht, der bei der Neunutzung und -bebauung des Rheinauhafens vollzogen wurde. Die historischen Bauten, ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts sorgfältig auf ihr bauliches Umfeld und ihre Lage zum Wasser hin gestaltet, sehen sich in ein neues Gesamtkonzept eingefügt, das neue Maßstäbe einführt.

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Ob der Hafen trotz dem Verlust seiner traditionellen Atmosphäre und seiner ursprünglichen Nutzungen mit Hilfe der Altbauten und technischen Denkmale ein zusammenhängendes, überzeugendes industriekulturelles Ensemble bleibt, ist die Frage. Derzeit fehlt eine Vermittlung der Hafengeschichte und ihrer Zeugnisse – soweit noch vorhanden – vor Ort. Vielmehr konzentriert sich das öffentliche Interesse auf die spektakuläre neue Architektur und den hohen kulturellen und sozialen Anspruch, den das neue Quartier als eigenständiger „86. Kölner Stadtteil“ für sich in Anspruch zu nehmen beginnt. Die infrastrukturellen Mängel – statt einer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr setzt man auf eine groß dimensionierte Tiefgarage, und von einer „Nahversorgung“ auf normalen Niveau kann ebenfalls keine Rede sein – deuten aber auf die Sonderstellung dieses Areals.

Trotzdem begeistern sich viele am so augenfälligen Erfolg, und das Anschlussprojekt scheint schon gefunden: der Deutzer Hafen am gegenüberliegenden Rheinufer. (Näheres in Kürze in der industrie-kultur!)

Am Eröffnungswochende wird jedenfalls, so die Veranstalter in der Presse, „niveauvolle Unterhaltung“ geboten. Zugleich präsentieren für eine Woche junge Absolventen Kölner Kunst- und Medienhochschulen zahlreiche Kunstprojekte im südlichen Hafenabschnitt im Rahmen der „new talents 2008 – junge Biennale Köln“.

Pressebericht(historisch)

Offizielle Homepage des Rheinau-Hafens

Programm der Eröffnung

Der Rheinauhafen bei der „Rheinischen Industriekultur“:AllgemeinZollhallen Danziger Lagerhaus (Siebengebirge)

vista_hafen.450.jpg Die Kranhäuser, Entwurf Hadi Teherani und Linster – Architekten + Generalplaner, Trier (Quelle: Pandion AG)

Belval/Luxemburg : Kolloquium zur Gründung des „Nationalen Zentrums für Industriekultur“

Das Kolloquium fand im Rahmen der Einrichtung eines Nationalen Zentrums für Industriekultur am Standort der Hochöfen von Belval statt und hatte zum Ziel, die heutige Situation von Orten, Strukturen und Netzwerken,  der Forschung und Lehre von Wissenschaft und Technik im weiten Feld der Industriekultur abzubilden.

Eines der Kennzeichen des Kolloquiums war seine Internationalität. Zusammengesetzt aus Vertretern von Museen, Netzwerken, Archiven, Vereinigungen  und Hochschulen aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg, erlaubte diese Veranstaltung die Bewertung der verschiedenen Ansätze beim Schutz und Neubewertung des Industriellen Erbes.

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Der erste Teil des Kolloquiums widmete  sich den Strukturen und Netzwerken in den alten Industriegebieten der Ruhr, der Saar und Luxemburgs. Auch wenn die Industriearchäologie in England entstand, sind Ruhr- und Saargebiet dem gefolgt und haben große Anstrengungen unternommen beim Erhalt von historischen Schauplätzen der Montanindustrie: Bergwerken, Kokereien und Hüttenwerken und ihrer Infrastruktur.

Unter dieses ragen die „Völklinger Hütte“ und die „Zeche Zollverein“ als Weltkulturerbe-Stätten heraus. Unter Aufsicht der UNESCO verfolgen diese beiden Stätten ein konsequentes Programm des Denkmalschutzes und sind vorbildliche touristische Attraktionen geworden. Das alte Bergwerk Göttelborn, das in jüngerer Zeit als Erneuerungsprojekt gestartet wurde, setzt völlig auf innovative Technologien und Kultur, etwa durch sein Solarkraftwerk und seine internationalen Künstlerworkshops. Die Gemeinde des Ballungsraumes „Fenschtal“ verfolgt noch eine andere Strategie: der beleuchtete Hochofen von Uckange ist selbst Kunstwerk geworden.

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Erfahrungen der Zusammenarbeit wurden am Beispiel des Museums- und Denkmalnetzwerkes „Route der Industriekultur Emscher-Park“, der „Industriekultur Saar“ und der technik- und kulturgeschichtlichen Museen der Franche Comté diskutiert. Die Einbindung aktiver Industriebetriebe gilt dabei als wichtiger Garant für öffentliche Aufmerksamkeit.In diesem ersten Teil des Kolloquiums gaben die Beiträge aus Luxemburg einen Einblick in die Industriegeschichte der Bergbauregion und präsentierten eine im Internet nutzbare Datenbank, ein in diesem Bereich unverzichtbares Werkzeug. Als aktuelles Beispiel der Umnutzung eines Industriedenkmals wurde die Gebläsehalle von Belval vorgeführt, die im Jahre 2007 als Schauplatz für eine große Ausstellung über Nachhaltige Entwicklung diente.

Das Konzept für das Nationale Zentrum für Industriekultur, das am Ende dieses Tages vorgestellt wurde, berücksichtigt zahlreiche Aspekte, die im Laufe der Diskussion angesprochen wurden: Die Verankerung in der Geschichte des Ortes und der Region; die Mitarbeit der örtlichen Bevölkerung; die Vernetzung von Museen, Archiven und Bibliotheken, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Universität, Forschungszentren und Unternehmen. Das Konzept beabsichtigt die Verwirklichung eines Zentrums für sehr verschiedene Teile der Öffentlichkeit im Rahmen der „Stadt der Wissenschaft“. Die Ausweitung des Begriffes „Industriekultur“ in Richtung der Arbeit im Allgemeinen erlaubt die Schaffung eines wirksamen Ortes zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Der zweite Kolloquiumstag konzentrierte sich auf Aspekte der Archivierung, Erforschung und Ausbildung für die Industriekultur. Die luxemburgischen Nationalarchive und das Zentrum von ARCELORMITTAL France in Florange stellten ihr Arbeits- und Forschungsmethoden vor, die sich dank neuer Technologien schnell erweitern. Ein Projekt zur Erfassung der Industriefotografie im Saarland wurde von der Abteilung „Historisches Institut, Kultur und Mediengeschichte“ der Universität Saarbrücken verwirklicht.

Wenn der Beitrag über die lothringische Industrie einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Erforschung der Sozialgeschichte des französischen Bergbaugebietes gab, so führte der Beitrag über die Industriearchive der Wallonie in Bois-de-Luc in detaillierte Weise die Nutzung der Archive als mögliche Grundlagen einer gemeinsamen Erinnerung vor; gleiches zeigte auch die Darstellung der Archive und der Geschichte der luxemburgischen Eisen- und Stahlwerke.

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Abschließend wurde das thematische Potential des zukünftigen Nationalen Zentrums für Industriekultur hervorragend erläutert durch die Präsentation des interdisziplinären Forschungsprojektes „Rote Erde – Geschichte der luxemburgischen Eisen- und Stahlindustrie im 19. und 20. Jahrhundert“, ebenso wie die Rolle der Universität von Luxemburg als Vermittler und Standort für eine Kultur von Naturwissenschaft und Technik.

Das Kolloquium erlaubte einen globalen Blick auf unterschiedliche Ansätze beim Schutz, der Archivierung, Erforschung und Vermittlung der Industriekultur. Die bereits gemachten Erfahrungen werden sich als wertvoll erweisen für die Entwicklung des Nationalen Zentrums für Industriekultur. Das Projekt muß auf erfolgreiche Zusammenarbeit aufbauen. Dieses Kolloquium steht für einen guten Beginn!

Text u. Bilder aus: Magazine – le periodique du fonds belval – Ausg. 2/2008, S. 44-47

Weitere Informationen: www.fonds-belval.lu

Luxemburgische Industriekultur-Homepage

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