Archiv für den Monat: August 2007

Russland: Dritte Tagung „Industrielles Erbe“ in Wyksa, Region Nishnij-Nowgorod

Ziel der Tagung waren der Austausch aktueller industriehistorischer Forschungsergebnisse sowie ihre Verknüpfung mit industriearchäologischen, lokalgeschichtlichen und museal-denkmalpflegerischen Ansätzen.

In der einleitenden Plenarsitzung sprachen Wenjamin Alexejew, Direktor des Instituts für Geschichte und Archäologe der Ural-Abteilung der Akademie der Wissenschaften („Metallurgische Werke des Ural als Denkmale industrieller Zivilisation“); Wladimir Saparij, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Technischen Universität in Jekaterinburg und russischer TICCIH-Repräsentant („Theoretisch-methodische Aspekte beim Studium des Industriellen Erbes“), Alexander Kierdorf, Architekturhistoriker in Köln und Mitglied von TICCIH-Deutschland („Industriekultur in Deutschland – Situation und Perspektiven“) sowie der Hauptorganisator der Konferenz, Nikolai Arsentiew, Professor an der Mordowischen Universität in Saransk („Wyksa als russischer Industriezentrum – Geschichte und Gegenwart“).

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Stahlwerk der WMS

In dem nachmittags anschließenden Praktischen Seminar „Erfahrungen mit der Musealisierung und Umnutzung des Industriellen Erbes“ wurden verschiedene Beispiele für die Einbindung von Industriedenkmalen in städtebaulich-geschichtliche Anlagen vorgestellt. Einen Schwerpunkt bildete dabei die Diskussion über die Zukunft der in Wyksa vorhandenen Werke des Ingenieurs Wladimir Schuchow: einen kurz vor 1900 errichteten Wasserturm sowie eine mit Netzkuppeln gedeckte Werkshalle auf dem Gelände der Fabrik. Städtebauliche Planungen sehen vor, den derzeit inmitten des Stahlwerks stehenden Turm an den Stausee im Stadtzentrum zu versetzen, wo er zusammen mit historischen Gebäuden, darunter dem Herrenhaus der Fabrikgründerfamilie Bataschjow, wiederhergestellten Nebengebäuden der ersten Fabrik sowie der Kirche Teil eines neu gestalteten Ortskernes würde.

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Aus historischen und konservatorischen Gründen wurde die geplante Versetzung des Wasserturmes jedoch stark kritisiert. Bürgermeister Rajew berichtete über eine kürzlich ebenfalls auf dem Fabrikgelände identifizierte weitere, mit einer tonnenförmigen Netzkonstruktion überdachte Halle von Schuchow.

In zwei Vorträgen stellten Prof. Rainer Graefe von der Universität Innsbruck sowie Prof. Rainer Bartel von der Technischen Hochschule München ihre Untersuchungen zu der in Wyksa erhaltenen, innerhalb des Werks von Schuchow einmaligen Fabrikhalle vor. Rainer Graefe stellte die Konstruktionen Schuchows in den internationalen Zusammenhang der Ingenieurbaugeschichte. Rainer Bartel berichtete über die von seinem Team vorgenommenen detaillierten Untersuchungen zu Baugeschichte und Zustand der Halle.

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In einem dritten Vortrag stellte die Professorin Natascha Winogradowa die besondere Bedeutung der Region Nishnij Nowgorod für das Werk Schuchows heraus, ausgehend von der Industrieausstellung 1896. Sie berichtete von den Bemühungen, die insgesamt sechs bekannten Bauten Schuchows in der Region zum Weltkulturerbe erklären zu lassen und damit zu schützen. Wie dringend dies gerade angesichts des geringen öffentlichen Interesses sei, belegte sie mit Bildern von den durch Metalldiebe bis auf ein letztes erhaltenes Exemplar zerstörten Strommasten Schuchows über die Oka bei Dshershinsk.

Abschließend stellte Natalija Aschawskaja von der Moskauer Stiftung „Schuchow-Turm“ ihre auch von den Nachkommen des Ingenieurs unterstützen Aktivitäten vor.

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Schuchow-Wasserturm in Wyksa

Der zweite Sitzungstag war in vier Sektionen überwiegend lokal- und wirtschaftgeschichtlichen Themen gewidmet. Alle Beiträge wurden – wie auf den vorherigen gleichnamigen Tagungen in Saransk (2005) und Gus-Krystalnij (2006) vorab in einem voluminösen Band publiziert. Das Abschlussplenum verabschiedete unter anderem eine Resolution, in der mehr Unterstützung für die Erforschung der Industriegeschichte und Studium und Erhalt ihrer Zeugnisse auch auf höchster staatlicher Ebene gefordert wurde. Damit soll die Stellung der Industriekultur in lokalen und regionalen Zusammenhängen gestärkt und als gesamtstaatliche Aufgabe gefestigt werden.

Der letzte Konferenztag war dem Besuch des gastgebenden Unternehmens gewidmet, das in diesem Jahr sein 250jähriges Bestehen feiert. Neben dem Schuchow-Wasserturm wurde eine von mehreren Produktionsstrassen für grosse geschweisste Röhren besichtigt. Die Wyksaer Metallurgische Fabrik hat sich in den letzten Jahren als führender Lieferant von Eisenbahnrädern in Russland sowie durch eine neuerrichtete Produktionslinie für beschichtete Gasleitungsrohre für Pipelines zu einem der „Leader“ der postsowjetischen Wirtschaft entwickelt. In einem in den 1930er Jahren errichteten Siemens-Martin-Werk wird aus Schrott Rohstahl erzeugt. Das Unternehmen gehört zur gleichen Gruppe wie das ebenfalls industriegeschichtlich bedeutende Hüttenwerk in Tschussowoj/Ural.

 

Nähere Informationen zur Werkgeschichte (englisch) unter:www.vsw.ru/en/about_en/history_en/

Zum Werk von Wladimir Schuchow siehe u.a.:www.shukhov.ru/deutsch.html

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Schönau/Nordbayern: Sägewerk Priesel arbeitet mit traditioneller Technik

Eines davon ist das Sägewerk Priesel in 97659 Schönau in Nordbayern. Dort läuft noch tagtäglich zur Stromerzeugung eine Buckau Wolf Maschine Typ KM 13, Baujahr 1964, 16 bar, 360 PSe, 275 U/min. Die Maschine wurde von dem Lokomobilkessel getrennt und separat in einem beengten Maschineraum platziert. Als Dampferzeuger dient ein später installierter Buckau- Kessel mit vollautomatischer Unterflurfeuerung.

 

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Wie der Zufall es so will, läuft ganz in der Nähe in 97618 Unsleben/Rhön bei der Nordbayerischen Holzindustrie eine weitere KM 13 Buckau Maschine, dort auch klassisch als Lokomobil mit Maschine auf dem Kessel. Beide Maschinen sind täglich unter Volllast in Betrieb. Es dürften die letzten ihrer Art im Arbeitsdienst in Deutschland sein.

 

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Mit dem Baujahr 1964 sind es auch mit die letzten gebauten Buckau Maschinen. Mitte der 1960er Jahre (wann genau ist unbekannt) wurde der Dampfmaschinenbau dort eingestellt. Der Kundendienst wurde vom Spilling Werk in Hamburg übernommen, das mit seinen Dampfmotoren alleiniger Marktbeherrscher wurde. Spilling baut nach wie vor modifizierte Dampfmotoren, verstärkt auch (wieder) für die Holzindustrie. Erst jüngst wurden Motoren für zwei neue Pelletfabriken geliefert, nämlich nach Bayern…

(www.spilling.de; www.nordbayerische.de)

 

Andreas Westphalen, Hamburg

 

 

 

Russland: Industriekultur aus der Perspektive eines Schweizer Journalisten

Mehr als sechs Jahre hat er in Russland zugebracht – der Wirtschaftskorrepondent der Neuen Züricher Zeitung Peter A. Fischer. Neben Themen der aktuellen Wirtschaftsentwicklung galt dabei sein Interesse immer wieder auch den historischen Zeugen der Industrie. Auf seiner Abschiedsreise besucht Fischer unter anderem die Stadt Nischnij Nowgorod an der Wolga,

Wolgabrücke bei Nischnij Nowgorod

die Städte Ufa und Nischnij Tagil im Ural, Krasnojarsk und Angarsk in Sibirien sowie Wladiwostok am Pazifik.

 

NT_ges.jpgPanorama von Nischnij Tagil

Ein industriekultureller Höhepunkt war sicher der Besuch in Nischnij Tagil im Ural, wo man im „Metallurgischen Kombinat“ den letzten Hochofen aus dem Jahre 1940 in Betrieb erlebte. Ein Interview mit der Leiterin des „Montangeschichtlichen Nationalparks Mittlerer Ural“ gehörte ebenfalls zum Programm.

Hochofen in Nischnij Tagil

 

Verfolgen Sie seinen Weg in Texten, Filmen und Bildern!

www.nzz.ch/magazin/dossiers/quer-durch-russland

 

 

Bochum/Hattingen: BigStuff 07 – Internationale Konferenz für Konservierung und Management von Großobjekten der Industriekultur

Diese und andere Fragen werden zwischen dem 11. und 14. September auf einer Internationalen Konferenz in Bochum und Hattingen diskutiert. Neben den Gastgebern, dem Deutschen Bergbaumuseum und dem LWL-Industriemuseum Hattingen sind der Verband der Restauratoren und TICCIH Deutschland Mitveranstalter der Konferenz.

Auswärtige Besucher können sich ab dem 9. September auf Exkusionen zu herausragenden Industriedenkmalen im Ruhrgebiet sowie beim Besuch des Thyssen-Krupp-Hüttenwerkes in Duisburg auf die Veranstaltung einstimmen.

Der erste Tagungsblock am Mittwoch, dem 11. September im Deutschen Bergbau-Museum ist Grundsatzfragen und Erfahrungsberichten gewidmet. Am gleichen Ort wird am darauffolgenden Tag über die Entwicklung in einzelnen Regionen berichtet: Griechenland, Tschechien, Belgien, Japan und USA. Nach einer Führung durch die Henrichshütte in Hattingen am Nachmittag werden dort praktische Konservierungsverfahren vorgestellt.

Am Donnerstag finden in Hattingen parallele Workshops statt, die unter anderem Konservierungs- und Restaurierungsmassnahmen an unterschiedlichsten Technikobjekten vorstellen. Am Freitagmorgen werden in einer Plenumsdiskussion im Bergbaumuseum Erfahrungen und Eindrücke zusammengefasst.

Wie ihr Vorgänger in Australien 2004 wird auch diese Konferenz rein in englischer Sprache abgehalten; sie richtet sich nicht ausschließlich an Restauratoren, sondern insbesondere auch an Fachleute und Beteiligte aus den Bereichen Denkmalpflege und Museum.

Nähere Informationen, Anmeldung und das endgültige Tagungsprogramm unter: www.bigstuff07.net

Für die hiesigen Interessenten (Museen, Vereine, Ehrenamtler) wird zusätzlich ein Sondertarif angeboten:Am 13.9. können Sie in Hattingen neben den Workshops auch eine Reihe von interessanten Präsentationen innovativer Produkte und Dienstleistungen von Top-Firmen im Bereich der Visualisierung, Interaktive Displays, Museumsausstattung, Energiemanagement und Restaurierung erleben. Sie können auch eigene Prospekte und ggf. Poster (nach Absprache) mitbringen und diese einem internationalen Fachpublikum präsentieren.Der Besuch dieses einzelnen Tages kostet nur 25 ¤, die vor Ort entrichtet werden können. Zwecks besserer Planung (z.B. für den Mittagsimbiß) bitten wir aber in jeden Fall um Anmeldung (Formular bitte von der Big-Stuff-Website (s.o.) downloaden)."

Die Ausgabe 3/2007 der Zeitschrift industrie-kultur bringt in ihrem Schwerpunktteil einige Beiträge als Vorabdruck auf deutsch: http://www.industrie-kultur.de/index.php?module=html01pages&func=display&pid=46&theme=PrinterFolgende Beiträge können Sie auf dieser homepage auch in englischer Originalfassung lesen:- David Hallam: Ethical and philosophical issues of operating of functional objects; a developing approach- Alison Wain: Large technology projects – success and sustainability

NRW: Grevenbroich: Ortstermin im Tagebau Garzweiler.

Der Tagebau Garzweiler in Grevenbroich feiert 100 Jahre Braunkohlengewinnung im Norden des Reviers. „Der intensive Kontakt zu unseren Nachbarn im rheinischen Braunkohlenrevier hat eine lange Tradition. Daher freue ich mich auf einen anregenden Dialog und intensive Diskussionen mit unseren Gästen“, erläutert Lutz Kunde, Leiter des Tagebaus Garzweiler. Die Braunkohlenförderung und -verstromung prägt nicht nur das rheinische Revier. RWE Power ist einer der großen Arbeitgeber und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. „Ich möchte allen Anliegern des Tagebaus meinen Dank aussprechen. Eine Vielzahl von Menschen in unserer Region lebt nicht nur von, sondern auch mit dem Tagebau und seinen Auswirkungen“, so Kunde. Nur durch diese grundsätzliche Akzeptanz könne die rheinische Braunkohle zum Vorteil der Region genutzt werden. Davon profitieren auch Millionen Menschen in Deutschland: durch eine sichere und preiswerte Energieversorgung.

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Den Auftakt bildete am Dienstagnachmittag, 7. August, ab 15 Uhr, eine Geräteschau mit Radladern und anderen Erdbaumaschinen des Tagebaus auf dem Marktplatz in Grevenbroich. Den Höhepunkt bildet der „Tag der offenen Tür“ am Sonntag, 12. August, von 10 bis 18 Uhr. Dabei besteht die Möglichkeit, alle Bereiche heimischer Braunkohlenförderung kennen zu lernen. Eine Tagebauexkursion mit einem geländegängigen Bus rundet die Veranstaltung ab und ermöglicht den Besuchern einen hautnahen Eindruck vom Geschehen im Tagebau und in der Rekultivierung.Mit dem Aufschluss der Grube „Rheingold“ im Jahre 1907 entstand der erste Tagebau im Nordrevier, der Vorläufer des heutigen Tagebaus Garzweiler. Seit 100 Jahren wird an diesem Standort das Gold des Rheinlands aus der Erde gefördert.

Mehr dazu u.a. bei:

http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1186068206849.shtml

 

Eine Bitte an unsere Leser:

Wenn Sie von interessanten Terminen aus dem Bereich „Industriekultur“ in Ihrer Region hören, informieren Sie die Redakteure der „industrie-kultur“ möglichst frühzeitig!