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2020: Kultur der Digitalität – Bilanz des LVR-Kulturjahres im Gespräch mit LVR-Kulturdezernentin Milena Karabaic / „Menschen brauchen kulturelle Angebote“

Als im März dieses Jahres in Deutschland der Corona-bedingte Lockdown verhängt wurde, war von einem Tag auf den anderen alles anders. Öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, darunter auch Konzerthäuser, Theater und Museen. „Das ganze Ausmaß und die Konsequenzen der Pandemie waren sehr bald deutlich, obwohl wir nicht mit dieser Dramatik gerechnet haben. Als Träger von 20 Museen und Kultureinrichtungen im Rheinland war uns im Landschaftsverband Rheinland schnell bewusst, dass wir mit unseren Kulturangeboten verstärkt andere Wege finden und gehen mussten. Wir wollten mit unseren Gästen, Fördervereinen, Unterstützerinnen und Unterstützern in Kontakt bleiben“, so Milena Karabaic, LVR-Dezernentin Kultur und Landschaftliche Kulturpflege. Intensiver als bisher entwickelten die Mitarbeitenden digitale Angebote und binnen kürzester Zeit war der Kulturgenuss per Smartphone oder Tablet von zu Hause möglich…

Niederschwellig und serviceorientiert
„Kultur @ home bietet zahlreiche zusätzliche Möglichkeiten, die vor allem auch für jüngere Menschen attraktiv sind und damit für eine Zielgruppe, die im analogen Museumsalltag nicht die stärkste Gruppe bildet. Niederschwellig, konsumierbar und unterhaltsam sind dabei wichtige Kriterien für diese Klientel“, hat Milena Karabaic beobachtet. Aber auch die anderen Besuchsgruppen nutzen die Angebote – der Service-Gedanke spielt hier eine wichtige Rolle: So haben Kulturinteressierte zum Beispiel die Gelegenheit, sich in über 130 Filmdokumentationen über Alltag, Bräuche und Arbeitsleben in der Region zu informieren, in kurzen Videoclips stellen Museumsbeschäftigte für sie wichtige Exponate vor, es gibt Wissenswertes der LVR-Alltagsforscherinnen und –forscher über aktuelle Phänomene in der Corona-Krise wie das Hamstern von Toilettenpapier. Auch ein Biertasting kann online ebenso stattfinden wie ein digitaler Schaufensterbummel durch eine industrie- und sozialgeschichtliche Sammlung. Entdeckungsreisen ins Rheinland und seine Kulturlandschaft sind ebenso im Programm wie die Vorstellung der Arbeit in der Denkmalpflege.
(Alle Angebote finden Sie hier [1]).

Stetige Entwicklung digitaler Angebote
Gleichwohl gilt es, zugleich im richtig verstandenen Sinne von Digitalität auch das analoge, authentische kulturelle Erbe kontinuierlich und zukunftsfähig zu erhalten und zu sichern. Der rege Zuspruch der Besucherinnen und Besucher führte zu immer neuen Angeboten, bis zum heutigen Tag – wie zum Beispiel derzeit der digitale Adventskalender. [2]
Trotzdem war in vielen LVR-Museen der Andrang groß, als im Mai die Häuser wieder öffneten – einige hätten ohne Probleme die Besuchszahlen aus Vor-Corona-Zeiten erreichen können. Mit ordnungsgemäß entwickelten Schutz- und Hygienekonzepten sorgte der LVR nach Kräften dafür, den Virus einzudämmen. Über ein in den Sommermonaten eingeführtes Online-Ticketing-System lässt sich der Museumsbesuch kontaktlos planen. Karabaic: „Der enorme Zuspruch der Gäste nach der Öffnung hat uns in unserem Tun bestärkt. Viele teilten uns über social media oder direkt mit, wie sehr ihnen der Ausflug ins Museum mit der Familie gefehlt habe. Spätestens nach diesen Rückmeldungen weiß man: Kultur ist systemrelevant!“

Auch wenn in diesem Jahr vieles nicht wie geplant oder nur unter Einschränkungen durchgeführt werden konnte, zieht Milena Karabaic ein positives Resümee: „Einiges ist gelungen, wie zum Beispiel die Wiedereröffnung des LVR-LandesMuseums Bonn, das nach dem Umbau seine Gäste mit neuem Konzept und veränderterer Innenarchitektur empfängt – derzeit leider nur virtuell. Darüber hinaus haben wir die Bewerbung als UNESCO-Welterbestätte für das mittelalterliche jüdische Viertel, in unserem LVR-Jüdischen Museum im Archäologischen Quartier, auf dem Kölner Rathausplatz eingereicht“, so Karabaic.

Blick nach vorn
Nach wie vor bestimmt die Pandemie das Leben der Menschen und lässt Planungen nur unter Vorbehalt zu. „Wir haben in diesem Jahr gelernt, unsere Ideen flexibel und mehrgleisig zu entwickeln“, meint die LVR-Kulturdezernentin.
Derzeit laufen die Umsetzungen für insgesamt drei Großprojekte im kommenden Jahr auf Hochtouren: 2021 blickt man auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und im Rheinland ( www.1700jahre.de [3]). Ein weiteres Vorhaben zeigt in der großen archäologischen Landesausstellung, die alle fünf Jahre stattfindet, welche Spuren die Römer im heutigen Nordrhein-Westfalen hinterlassen haben (Link zur Website). Mit #FUTUR_21 industriekultur entstehen in den Industriemuseen des LVR und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) Kunstwerke und Lichtinstallationen, die sich mit zentralen Zukunftsthemen beschäftigen: Wie wollen wir künftig arbeiten und leben?

Milena Karabaic schaut gefasst und zuversichtlich auf das kommende Jahr: „Allein an diesen drei Beispielen wird deutlich, wie eng die Themen der Kultur mit unserem Leben hier und jetzt verwoben sind. Sie sind ein essentieller Teil von uns und helfen dabei, Dinge einzuordnen und zu bewältigen. Vielleicht auch eine Pandemie.“