Bochum: Ausstellung “Umbrüche: Industrie – Landschaft – Wandel” (Gastrezension)

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Joachim Brohm: Ruhr, Essen, 1981 (C-Print 2007), © Joachim Brohm – VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Von September 2017 bis zum März 2018 zeigt die Stiftung „Situation Kunst“ im „Museum unter Tage“ in Bochum Fotografien von Rudolf Holtappel, Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová sowie Filme von Marco Kugel und Richard Serra. 2018 wird die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus in Berlin gezeigt…

Das Ende des Bergbaus im Jahr 2018 wirft seine Schatten voraus. Kaum eine Veranstaltung zur Industriekultur im Ruhrgebiet kommt ohne diesen Bezug aus. Genau daraus ergibt sich aber auch ein ständig größer werdendes Dilemma: die Wiederholung der Schlagworte wie „Erschütterungen der Region“, „Brüche“, „Veränderungen der Landschaft“, „tiefgreifende Umwälzungen“, „Strukturwandel“, „Identität“. Das scheint unvermeidlich zu sein, ist aber genau deshalb kaum noch erhellend, denn das Nachdenken über das Ruhrgebiet ist beinahe so alt wie es selbst. Was  also macht zum Beispiel die Ausstellung „Umbrüche: Industrie – Landschaft – Wandel“ im „Museum unter Tage“ in Bochum sehenswert?

Den Schwerpunkt der Ausstellung bildet ein Konvolut mit 155 Schwarzweiß-Fotografien des Bildjournalisten Rudolf Holtappel (1923-2013) vorwiegend aus den 1960er und 1970er Jahren. Von dieser Schenkung an die Stiftung „Situation Kunst“ zeigt die Ausstellung „Umbrüche“ eine Auswahl sowie 24 weitere Ruhrgebiets-Aufnahmen ohne Herkunftsangabe. 83 Fotografien werden im Katalog (manchmal etwas zu dunkel) ganzseitig abgebildet. Ob die Bildtitel auf den Fotografen zurückgehen, bleibt ungeklärt. Rudolf Holtappel war kein Konzept-Fotograf, sondern ein offener „Beobachter“ und „Bilder-Finder“, so Silke von Berswordt-Walrabe in ihrem ausführlichen Katalogbeitrag. Dementsprechend vielfältig sind seine Motive: Industrieanlagen, die typischen Übergänge von Agrar- und Industrielandschaften im Ruhrgebiet, Arbeitsorte, aber auch die Menschen – sei es auf der Straße oder hinter dem Mehrfamilienhaus, im Schrebergarten oder in der Gastwirtschaft. Das hat man schon öfter gesehen. Die anrührenden Aufnahmen von Kindern, die von dieser Industrielandschaft unbeeindruckt spielen, erinnern an Erich Grisar. Besonders eindrucksvoll sind auch jene Aufnahmen, in denen Halden auf  Straßen, Häuser und Menschen zuzukriechen scheinen, nur notdürftig und vorläufig gebremst. Und dann die Landschaften unter Rauch, Qualm, Smog! Man mag heute die Schwarz-weiß-grau-Nuancen der fotografischen Abzüge genießen. Als Dokumente zeigen die Fotografien die Licht- und Schattenseiten des – nachlassenden –  Wirtschaftswunders sowie die Ursachen für die heute immer noch unbewältigten Folgelasten.

Als teilnehmender Beobachter veranschaulichte Rudolf Holtappel in vielen seiner Ruhrgebiets-Aufnahmen das enge Nebeneinander der Lebenswelten von Industrie und Bevölkerung. Bernd und Hilla Becher, das zeigen 14 Aufnahmen in der Ausstellung, konzentrierten sich dagegen auf die monumentalen Betriebsanlagen der Montanindustrie kurz vor oder nach der Stilllegung. Ihre Aufnahmen zielen auf ein ästhetisiertes und formal reduziertes Abbild. Sie nannten es Dokumentation und inszenierten damit gleichermaßen ihre Distanz zu dieser Welt. Bezeichnenderweise spielen in ihren Aufnahmen die Menschen keine Rolle.

Auch distanziert, aber durch keinen auf einfache Monumentalität reduzierten Formwillen wie bei Bernd und Hilla Becher blickt der eine Generation jüngere Fotograf Joachim Brohm auf das Ruhrgebiet. Seine „Ruhr“-Bilder aus den späten 1970er und 1980er Jahren zeigen Landschaften und Szenen jenseits der Schlüsselindustrien Kohle und Stahl: Brachen, Gewerbezonen, Freizeitflächen, Nicht-Orte. Das Ruhrgebiet hat sein charakteristisches altes Gesicht verloren, das neue ist auf dem Weg nach Überall.

Gelegentlich versuchte Rudolf Holtappel, mit einer Nahaufnahme ein Symbol zu kreieren, und geriet dabei in die Nähe zu penetranter Ding-Fotografie. Nahaufnahmen und isolierte Konstellationen prägen auch die Aufnahmen der Fotografin Jitka Hanzlová. Ihre Aufnahmen zielen zwar auch auf Bedeutsamkeit, erzwingen sie aber nicht. Ihre Bildsprache folgt einer Traditionslinie der Romantik, wonach das Wunderbare im Alltäglichen liegt, was aber in der Gegenwart auch heißt, dass Wahrnehmen, Betrachten und die fotografische Aufnahme dem persönlichen Seherlebnis überlassen bleiben. Darin liegt die Melancholie ihrer Aufnahmen.

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Rudolf Holtappel: Hochöfen der HOAG [Hüttenwerke Oberhausen], im Hintergrund Sinteranlage, alle 15 Minuten diesen Qualm ausstoßend, Oberhausen, 1960, © Stiftung Situation Kunst, Bochum

Die Aufnahmen des Fotografen Rudolf Holtappel waren von einem journalistisch ethnografischen Interesse für die ihn umgebende Lebenswelt Ruhrgebiet geprägt. „Stil- und Kompositionsfragen“ waren nachgeordnet. Das kehrt sich, auf je spezifische Weise, in den Bildbeispielen von Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová um. Gegenüber dem „was“ rückt das „wie“ in den Vordergrund.

In der Ausstellung werden außerdem die Filme „Stahlwerk/steelmill“ (1979) von Richard Serra und Clara Weyergraf sowie von Marco Kugel der Film „Flüsse – Berge – Täler“ (2014) gezeigt, allerdings ohne einen Band im Katalog-Schuber.

Nicht überzeugend ist die Präsentation der Ausstellung: konventionelle Nebeneinanderhängung der Bilder, keine Erläuterungen oder Kommentierungen, keine Auseinandersetzung und sei es auch nur an Fallbeispielen. Aber auch die monografischen Katalogbeiträge verbleiben weitgehend explikativ, affirmativ. Kritisches Aufmerken, Nachfragen zu einzelnen Bildern, Entdeckendes Sehen, wie es Max Imdahl, dem die „Situation Kunst“ gewidmet ist, praktiziert hatte, finden nicht statt. Sehenswert ist die Ausstellung „Umbrüche“ trotzdem, weil der Hunger insbesondere auf Bilder vom alten Ruhrgebiet auch nach vielen Foto-Ausstellungen und –Projekten ungestillt ist. Wiedererkennen macht Freude, auch das Kennenlernen oder Wiederaneignen einer vergangenen Epoche in einer veränderten Landschaft, was immer auch von Stoffwahl, Perspektive, Bildausschnitt, Motivgestaltung abhängig ist. Das sollte eine leitende Idee für diese Ausstellung gewesen sein. Dass das junge „Museum unter Tage“ den MuT nicht nur als Abkürzungs-Zeichen vor sich her trägt, sondern in seiner Ausstellungsarbeit künftig auch mutig umsetzt, ist dieser schönen Einrichtung zu wünschen.

Eckhard Schinkel

Ausstellungskatalog in vier Bänden im Hardcover-Schuber „Umbrüche. Fotografien von Rudolf Holtappel, Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová“. Hrsg. v. Silke von Berswordt-Wallrabe, Bochum, Stiftung Situation Kunst 2017; ISBN: 978-3-941778-11-5; zahlreiche Abbildungen, 32 €

Museum unter Tage
Nevelstraße 29c
44795 Bochum
Mail: info@situation-kunst.de
Link: www.situation-kunst.de

Bild mit freundlicher Genehmigung von KOCH/KGI
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