Moskau: Ringen um den Erhalt eines einmaligen Ringlokschuppens

­Die sogenannte „Nikolaibahn“ zwischen Moskau und St. Petersburg ist die erste große russische Eisenbahnstrecke. Sie verband die „alte“ und die von Peter dem Großen errichtete neue Hauptstadt des Zarenreichs. Ihr ging eine nur 27,5 km lange Streck zwischen St. Petersburg und den Sommerresidenzen der Zarenfamilie in Zarskoje Selo und Pawlowsk voraus, die bereits 1834-37 errichtet worden war. Die Bauleitung hatte niemand anderes als der Österreichische Ingenieur Franz Anton Ritter von Gerstner, der zuvor mit der Pferdeeisenbahn Linz-Budweis die erste kontinentale Eisenbahnfernstrecke überhaupt errichtet hatte. Zar Nikolaus schickte Gerstner anschließend auf eine Studienreise in die USA, wo er aber 1840 verstarb. Die Strecke Petersburg-Moskau entstand deshalb ab 1841 nach Plänen der Petersburger Ingenieure Melnikow und Kraft. Sie verläuft über 650 km fast schnurgerade; von den insgesamt 36 Bahnhöfen ist Twer mit der Wolgabrücke der größte Haltepunkt. 1851 war die zweigleisige Strecke fertiggestellt; die beiden sehr ähnlichen Kopfbahnhöfe mit ihren Hallen entstanden nach Entwürfen des deutschstämmigen Petersburger Architekten Konstantin Thon, der unter anderem auch die (heute rekonstruierte) Christ-Erlöser-Kathedrale und den Kremlpalast in Moskau entwarf.
Während auf der heute meist unter ihrem sowjetischen Namen „Oktobereisenbahn“ bekannten Strecke nach der jüngsten Modernisierung Schnellzüge in unter vier Stunden zwischen den russischen Metropolen verkehren, dauerte die Reise Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu 21 Stunden. Entlang der Strecke entstand deshalb eine umfangreiche Infrastruktur, die aus Empfangsgebäuden unterschiedlicher Größe, Lokomotiven- und Waggondepots, Werkstätten, Wassertürmen und Lagerhäusern bestand. Für die kostbaren, weil aus England und Belgien importierten Lokomotiven wurden mehrere Ringlokschuppen errichtet. Sie waren, da der Ingenieureisenbau in Russland noch kaum verbreitet war, wegen der Brandgefahr aus massivem Backsteingewölben sowie Holz errichtet. Die zentrale Drehscheibe war in der Regel von einer runden oder polygonalen Kuppel überwölbt, von der in Russland kein Beispiel überlebt hat; als für größere Lokomotiven neue, eiserne Unterstände entstanden, wurden sie nicht abgebrochen. Im internationalen Vergleich – ähnlich alte Runddepots (engl. „roundhouses“ ) sind in Großbritannien und den USA erhalten – stellen die russischen Backsteinbauten eine einmalige bautechnische Variante dar.

Das Ensemble von Bauten der „Nikolaibahn“ am Moskauer „Komsomolzenplatz“, wie der Bahnhofsplatz mit insgesamt drei Kopfbahnhöfen heute heißt, besteht (noch) aus dem Empfangsgebäude Thons, einem ausgedehnten Lagerhausbezirk sowie einem seitlich angeordneten Ringlokschuppen aus der ersten Bauzeit. Dieser soll nun nach jahrzehntelanger Umnutzung abgebrochen werden. Die Moskauer Initiative „MAPS-Moscow Architecture Preservation Society“ hat deshalb eine umfangreiche Dokumentation der Ereignisse zusammengestellt und fordert zugleich die internationale Fachwelt auf, gegen die Zerstörung dieses außergewöhnlichen frühen Beispiels der Eisenbahnarchitektur zu protestieren. ICOMOS Deutschland und das Deutsche TICCIH-Nationalkommitee schlossen sich Mitte März 2013 in einem Brief an den russischen Eisenbahnminister Wladimir Jakunin dem Protest an und sprachen sich für den Erhalt dieses einmaligen Zeugnisses der frühen Eisenbahngeschichte, seine Restaurierung und geeignete Nutzung aus.

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