Industriekultur

Magazin für Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte

Markersdorf/Sachsen: Aufruf zum Erhalt der ersten Hennebique-Brücke in Deutschland

Der Aufruf

Die Straßenbrücke zwischen Markersdorf und Taura (Gemeinde Claußnitz nördlich von Chemnitz) über die C­hemnitztalbahn ist akut vom Abriss bedroht! Nachdem ein neuer Eigentümer gefunden werden konnte, der die Brücke übernehmen möchte, werden nun vom zuständigen Staatsministerium in Dresden unerfüllbar hohe Forderungen gestellt, um auf diesem Wege den Abriss doch noch durchzusetzen. So soll der Erwerber u. a. eine Bankbürgschaft in Höhe von 100.000 ¤ beibringen, mit der die Abrisskosten sicherheitshalber für den Fall abgedeckt werden sollen, dass die erforderliche Änderung des Planfeststellungsbeschlusses rechtlich doch nicht zustande kommen sollte. Die Frist läuft am Freitag dieser Woche, also 6. August 2010 ab. Errichtet 1900 im Auftrag der Sächsischen Staatseisenbahnen durch Max Pommer nach dem Hennebique-Patent und statischer Berechnung des Büros Hennebique in Paris. Durch Stilllegung der Chemnitztalbahn und Wiederherstellung der ursprünglichen Straßenführung vor dem Bau der Eisenbahn ist die Brücke entbehrlich. Zum Zeitpunkt des ­­Planfeststellungsverfahrens für die derzeit laufenden Straßenbaumaßnahmen war die Prüfung der Denkmaleigenschaft der Brücke nicht abgeschlossen; nach Feststellung der Denkmaleigenschaft ist der Planfeststellungsbeschluss nicht entsprechend geändert worden. Der Abbruch ist für die Straßenbaumaßnahmen nicht erforderlich, er soll nur erfolgen, weil zunächst niemand die Brücke in seine Obhut übernehmen wollte. Erst nachdem mit der Leipziger Denkmalstiftung e. V. nun ein Erwerber präsentiert werden konnte, wurden die o. g. Forderungen nachgeschoben. Die Bedeutung der Brücke: Die Brücke ist die älteste derzeit bekannte Brücke nach Hennebique-Patent in Deutschland. Es ist nicht wahrscheinlich, dass noch eine ältere oder auch nur gleich alte Brücke in Deutschland gefunden werden könnte. Denn der einzige Hennebique-Lizenznehmer mit ähnlich frühen Bauten, die Firma Züblin, hat damals nur im Elsass gebaut, so dass eventuell vorhandene Brücken heute in Frankreich liegen. Die Brücke ist die älteste bekannte deutsche Brücke als Stahlbeton-Plattenbalken-Konstruktion. Weiterhin ist sie die älteste bekannte deutsche Brücke als Stahlbeton-Rahmen-Konstruktion. Zum Zeitpunkt der Errichtung wurden die meisten Betonbrücken aus unbewehrten >sog. Stampfbeton als Bogenbrücken errichtet und dies bis etwa 1920. Dagegen sind beide genannten Konstruktionsweisen die zukunftsweisenden gewesen, die heutigen Brückenkonstruktionen immer noch zugrunde liegen. Schließlich ist die Brücke die fünftälteste noch existierende Stahlbetonbrücke in Deutschland überhaupt. Älter als sie sind nach derzeitigem Kenntnisstand nur drei Brücken in Schleswig-Holstein (1894-97) und eine in Baden-Württemberg (1891), die alle nach dem älteren Monier-Verfahren in Bogenform gebaut wurden, das nur geringe Brückenlasten zuließ. Die erhaltenen Brücken nach dem mit Hennebique konkurrierenden System Möller sind nach aktuellem Kenntnisstand alle jünger. Das Hennebique-System ist – anders als die beiden genannten Systeme – die Grundlage aller heute noch gebauten Stahlbetonbrücken (auch wenn es später durch Verbesserungen wie den Spannbeton ergänzt wurde). Der Erbauer: Die ausführende Firma des Leipziger Architekten Max Pommer (1847-1915) errichtete mit dem Druckereiflügel der Firma C. G. Röder in der Perthesstr. 3 in Leipzig 1898 auch den ältesten derzeit bekannten mehrgeschossigen Bau mit vollständigem Tragwerk nach den Hennebique-Patenten. Max Pommer war im übrigen einer der wichtigsten Architekten des Historismus in Leipzig und ist auch als Sozialreformer im Zusammenhang mit der Leipziger Stiftung der Meyerschen Häuser hervorgetreten.

Wir bitten Sie, sich dem Aufruf zum Erhalt der Brücke als bedeutendem Zeugnis der Ingenieurbaukunst kurzfristig anzuschließen!

Kontakt: Dr. Stefan W. Krieg-von Hößlin
Denkmalpfleger und Architekturhistoriker, Leipzig
stefankrieg@hotmail.com

Dipl.-Ing. Martin Tasche
Technische Universität Dresden, Institut für Baukonstruktion ­

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