Denkmale des saarländischen Steinkohlenbergbaus – Integriertes Handlungskonzept

Grundlagen für ein landesweites Konzept

Anlass für eine landesweite Neubetrachtung der überlieferten bergbaulichen Relikte lieferten verschiedene Aspekte. Dabei stand die, aufgrund politischer Entscheidungen immer schneller fortschreitende Stilllegung von Bergbaustandorten im Vordergrund. Hinzu kamen offensichtliche Asymmetrien in der Erfassung und Ausweisung des vorhandenen Bestandes. Die Ausgangsbasis für diese Neubewertung bildete das wissenschaftliche Gutachten Rainer Slottas (Deutsches Bergbaumuseum Bochum) aus dem Jahr 1987, in dem alle zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Anlagen beschrieben und nach technikgeschichtlichen, aber vor allem auch kunsthistorischen Grundsätzen bewertet wurden. Aufgrund der starken Reduktion des Bestandes in den letzten 15 Jahren und einem Wandel in der Einschätzung der Denkmal-Qualität insbesondere von Bauten der 1960er Jahre in diesem Zeitraum, wurde eine erneute Bewertung dringend erforderlich. Aus der analytischen Beobachtung der Entwicklung im seit 1999/2000 stillgelegten Teilbereich des saarländischen Steinkohlenbergbaus, der zuletzt als »Bergwerk Ost« zusammengefasst war, entstanden Überlegungen mit Blick auf die praktische Denkmalpflege. Der Erhalt einzelner Anlagen – vor allem an den älteren Standorten im Sulzbachtal – war offenbar mehr dem Zufall geschuldet, als der planvollen Abwägung verschiedener Interessen von Bergbautreibenden und Denkmalpflege. Dabei gingen zumeist die besonders bedeutenden Objekte verloren. Ein integriertes handlungspraktisches Konzept, das gegebenenfalls auch konkrete Umnutzungs- oder Entwicklungsideen umfassen kann, sollte daher mit der Bestandsaufnahme verbunden werden, um letztlich ein planvolles Handeln in diesem Bereich zumindest zu ermöglichen. Die Kenntnis von der Vielfältigkeit und der Bedeutung der einzelnen bergbaulichen Relikte sollten so aufbereitet werden, dass sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber dem Bergbauunternehmen der denkmalpflegerische Interessensrahmen deutlich abgesteckt wird. Bei der Entwicklung des Konzeptes wurden daher auch die im Saarland tätigen Dienststellen der Deutschen Steinkohle AG (DSK) und ihre Tochterunternehmen sowie die zuständigen Landes- und Kommunalbehörden eingebunden. Zwischenergebnisse wurden mit den späteren Partnern ausführlich diskutiert. Dabei sind die Bergämter als staatliche Aufsichtsbehörden und die landeseigene »Industrie-Kultur Saar GmbH« als Eigentümerin von zwei der wichtigsten Tagesanlagen im Saarland hervorzuheben.

Untersuchungsmethodik

Untersucht wurden ausschließlich Übertageanlagen des Bergbaus auf Steinkohlen mit überkommenem Baubestand. Nicht erfasst wurden Kleinstanlagen, Einzelobjekte oder Tagesanlagen, die zwar in ihren strukturellen Grundlagen noch vorhanden waren, deren Anschaulichkeit aber aufgrund des weitgehenden Verlustes an bergbauspezifischen Bauten nicht mehr gegeben war. Als Basis weiterer Überlegungen wurden für jeden Standort eine Kurzaufnahme mit Abbildung sowie ein kurzer Abriss der historischen Entwicklung und des vorhandenen Baubestandes angefertigt. Insgesamt wurden 38 Standorte in das Konzept aufgenommen und untersucht, unabhängig davon, ob sie in der Denkmalliste des Saarlandes verzeichnet waren oder nicht. Kernstück des Handlungskonzeptes ist die Kurzanalyse der einzelnen Standorte bezogen auf die verschiedenen Bedeutungskategorien, die mit einer Einordnung/Bewertung des Bestandes abschließt. Analysiert wurden die Standorte nach herausragenden Einzelobjekten, nach dem Vorhandensein einer aussagekräftigen Gesamtanlage oder einer besonderen städtebaulichen Lage/Konzeption sowie nach Landmarken wie Fördertürmen oder Fördergerüsten. Weiter waren maschinelle Ausstattung und die Präsenz qualitativ hochwertiger Architekturgestaltung Kriterien, die in der Kurzanalyse berücksichtigt wurden. Darüber hinaus wurde das Umfeld betrachtet. Hier wurden vor allem mit dem Standort in direktem räumlichen Zusammenhang stehende Siedlungen und bergbaubedingte Halden und Landschaftselemente erfasst. Es entstand so eine Matrix, aus der sich auch Bedeutungsschwerpunkte sowohl in räumlicher als auch inhaltlicher Art ableiten lassen. Neben zwei Objekten, deren Bedeutung insgesamt als gering eingestuft wurde, konnten im wesentlichen drei Bedeutungsebenen herausgearbeitet werden. Neben 15 Standorten von regionaler/lokaler Bedeutung, konnten 6 Standorte mit saarlandweiter bzw. überregionaler Bedeutung und zuletzt 15 Standorte mit besonderer Bedeutung identifiziert werden. Die Einordnung der Standorte erfolgte nach ihrem Zeugniswert für den Funktions- bzw. Produktionsablauf innerhalb einer Anlage sowie ihres Dokumentationswertes zur Kennzeichnung der räumlichen Ausdehnung des Bergbaus im Saarland. Die Anlagen und Einzelobjekte, die unter Berücksichtigung der Dokumentationsqualität und ihres Erhaltungszustandes als besonders erhaltenswert eingestuft wurden, weisen einen unterschiedlichen Handlungsbedarf auf. Ihnen wurden in einem ersten Schritt die wichtigsten Bedeutungsebenen zugeordnet, die sich aus der Bedeutungsmatrix ergeben. Für die bereits stillgelegten Objekte erfolgte auch die Benennung von verknüpfenden Themen, um somit die Einbettung in einen standortübergreifenden Kontext zu ermöglichen (Tabelle 1). Für die drei noch in Betrieb befindlichen Anlagen, wurden weder Aussagen zum konkreten Handlungsbedarf noch zu möglichen verknüpfenden Themen getroffen.

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Vorstellung einzelner Beispielobjekte

Beispielhaft seien hier einige Standorte vorgestellt, die die Bandbreite der bergbaulichen Denkmale im Saarland und die verschiedenen Problemstellungen bei deren Erhaltung verdeutlichen.

Eine für den Bergbau typische Baugattung, die Förderanlage mit Förderturm oder Fördergerüst, ist auf 11 Anlagen von besonderer Bedeutung erhalten. Ausgehend vom ältesten Fördergerüst über dem Schacht III der Grube Itzenplitz (1886), das in genieteter Fachwerkbauweise ausgeführt wurde und das älteste erhaltene Fördergerüst im saarländisch-lothringischen Kohlenrevier darstellt, bis zu den Fördergerüsten am Nordschacht (1986) und der Grube Göttelborn (1996), die in Verbundbauweise errichtet wurden, reicht die Reihe der konstruktionsgeschichtlich bedeutenden Objekte.

Camphausen.mi.jpgBesonders hervorzuheben ist dabei der Hammerkopfförderturm der Grube Camphausen (1911/1912), der als Betonkonstruktion errichtet wurde und aufgrund seiner außergewöhnlichen Bauform europaweit in der Gruppe der frühen Fördertürme aus Beton eine Sonderstellung einnimmt. Da diese Bedeutung schon früh erkannt wurde, befindet sich das Objekt in einem bemerkenswert guten Gesamtzustand. Aufgrund der besonderen Bauform des Turms ist eine Umnutzung jedoch nicht einfach, zumal die vollständig erhaltene technische Ausstattung nach der Elektrifizierung der Grube aus der Zeit 1935/1936 eine Nutzung der oberen Geschosse nahezu unmöglich machen. Der Erhalt von Ausstattung stellt ein grundsätzliches Problem der Industriedenkmalpflege dar. Während die Bedeutung der im Saarbergbau vorhandenen Dampffördermaschinen im Falle der Maschinen der Grube Velsen (1915) und des Duhamelschachts der Grube Ensdorf (1917) zu einer vorbildlichen Pflege bereits in Betriebszeiten geführt hat, ist die Wertschätzung für die Ausstattung von Kohlenwäschen beispielsweise wesentlich geringer. So soll die Kohlenwäsche der Grube Warndt, die erst 2006 stillgelegt wurde, schlicht verkauft werden – allerdings samt der dazugehörigen Gebäudehülle.

Im Rahmen der Bemühungen der Saarländischen Landesregierung das industriekulturelle Erbe in Zeiten des rapiden Strukturwandels zu erhalten, wurde 2001 die IndustrieKultur Saar GmbH gegründet. Auf der Basis des Berichtes der Kommission »Industrieland-Saar«, die von Karl Ganser geleitet wurde, sind die Tagesanlagen Göttelborn und Reden als »Zukunftsstandorte« in den Besitz dieser landeseigenen GmbH überführt worden.

G__ttelborn.mi.jpgFür die Denkmalpflege bedeutet dies die Chance an zwei Standorten mit einem Partner zu agieren, der den öffentlichen Auftrag hat, die »Industriekultur« des Landes zu fördern und zwei hochwertige Bergbauanlagen zu entwickeln. Für das Planungskonzept bot sich aufgrund der erhaltenen Strukturen an, den Standort Göttelborn, wo sämtliche Förder- und Aufbereitungseinrichtungen einschließlich der Kohlenwäsche erhalten sind, schlagwortartig mit der thematischen Verknüpfung »Weg der Kohle« zu belegen. Analog dazu kann am Standort Reden der »Weg der Bergarbeiter« vom Wohnhaus in den benachbart erhaltenen Siedlungen über die Waschkauen, Verlesesaal und Lampenstube zum Schacht anschaulich dargestellt werden. Die Aufgabe der Denkmalpflege besteht hier insbesondere darin, sicherzustellen, dass diese thematischen Verknüpfungen nicht dem Tagesgeschäft der Erhaltungsbemühungen zum Opfer fallen. Notwendig sind daher eine sorgfältige Realisierung angepasster Planungsvisionen an beiden Standorten, durch die der Charakter und die Eigenart der Anlagen nicht – wie es oft an altindustriellen Standorten geschieht, die z.B. zu Gewerbestandorten umgenutzt werden – durch ein architektonisches und städtebauliches Patchwork ersetzt werden, bei dem die Zeichenhaftigkeit der Denkmale stark reduziert wird.

Erste Erfolge

Das Konzept wurde sowohl von der Bergbaugesellschaft als auch von den beteiligten Regierungsstellen als Handlungsgrundlage akzeptiert. Seit Fertigstellung im Oktober 2006 konnten zahlreiche Projekte angestoßen werden. Insbesondere wurden die Aktivitäten um die Erhaltung der beiden hoch gefährdeten Objekte intensiviert, so dass inzwischen konkrete Umnutzungskonzepte diskutiert werden. Die Bergbaubetriebe haben darüber hinaus signalisiert, dass die Anlagen Velsen und Merlebach-Nord für einen Verkauf zur Verfügung stehen. Die Verhandlungen über die Modalitäten der Eigentumsübertragung an bergbaufremde Eigentümer stehen hier kurz vor dem Abschluss. Auch die zunächst zurückhaltende bis ablehnende Haltung gegenüber einer denkmalgerechten Instandsetzung der Tagesanlage Grube Warndt konnte mittels der vorliegenden Studie grundsätzlich aufgebrochen werden, ohne dass jedoch einzelne Problemfelder, wie sie sich zum Beispiel im Umgang mit der Kohlenwäsche zeigen, endgültig gelöst werden konnten. Die dargestellte Vorgehensweise soll in Zukunft auch auf andere Industriezweige im Saarland ausgedehnt werden. Die zusammenfassende Darstellung der Denkmale der Eisen- und Stahlindustrie wird in analoger Aufbereitung bereits erarbeitet.

 

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LITERATUR

– Slotta, Rainer, Technische Denkmäler im Saarland. Versuch einer Inventarisierung, in: 24. Bericht der staatlichen Denkmalpflege im Saarland 1977, S. 25 – 62.
– Slotta, Rainer, Technische Denkmäler des Bergbaus auf den Bergwerken und Schachtanlagen der Saarbergwerke AG, Saarbrücken. Erfassung, Bewertung und Vorschläge zur Sicherung, (Ms) Bochum Juni 1987.
– Schmitt, Armin, Denkmäler Saarländischer Industriekultur. Staatliches Konservatoramt Saarbrücken 1989.
– Staatskanzlei des Saarlandes, Stabsstelle Kultur (Hrsg.), IndustrieKultur Saar. Bericht der Kommission »Industrieland-Saar«, Saarbrücken 2000.
– Slotta, Delf, »Netzwerk der Industriekultur Saarland«. IndustrieKultur Saar GmbH (Hrsg.), Quierschied-Göttelborn 2003.
– Bergstein, Edgar/Böcker, Axel, Fördergerüste und Fördertürme aus Beton: Haltbar aber teuer und für Umbauten ungeeignet, in: Industriekultur 3/2005, S. 6- 8.
– Höhmann, Rolf: Schachtanlage Warndt. Einordnung und Bedeutung. Gutachten für das Staatliche Konservatoramt des Saarlandes, Darmstadt 2005.
– Landesdenkmalamt des Saarlandes (Hrsg.), Denkmäler des Steinkohlenbergbaus im Saarland. Standorte und Entwicklung, (Ms) Saarbrücken, Oktober 2006.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung aus:

Zeitschrift „Die Denkmalpflege“, Jg. 65, 2007, Heft 1, S. 54-60
Deutscher Kunstverlag, München
ISSN 0947-031-X

Weitere Beiträge in diesem Themenheft zur Industriedenkmalpflege:

– Blümm/Maier/Schlasse/Ziemer: Langer Abschied und kurzer Prozess – über den Verlust eines bedeutenden Industriedenkmals. Die AEG-Kabelfabrik in Berlin-Oberschönweide, S. 5-16
– Höhmann, Rolf: Die Erhaltung großer Industriedenkmale am Beispiel der Eisen- und Stahlindustrie, S. 17-30
– Zache, Dirk: Industriemuseum zwischen Museum und Denkmalpflege, S. 31-44
– Pfeiffer, Marita: Von „schweren“ Hinterlassenschaften. Über Gründung, Arbeitsweisen und Erfahrungen des Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur in Nordrhein-Westfalen, S. 45-53
– Münzenmayer, Hans Peter: „Todsicher geht die Uhr falsch“, S. 61-64

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Titelmotiv: Peenemünde, Sauerstoffwerk, 2002

 

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