Der Deutsche Werkbund: Hundert Jahre Arbeit an der Gestaltung der Industriellen Welt

Von Anfang an war die Aufklärung weiter Bevölkerungskreise durch Ausstellungen, Publikationen, Kongresse und Vorträge erklärtes und wichtigstes Ziel des Werkbunds. Daher gehörte die öffentliche Präsentation mustergültiger Produkte aus Industrie, Werbung und Design sowie wegweisender Projekte in Architektur und Städtebau zu den zentralen Aufgaben dieser Institution. Die Vereinigung hatte sich bei ihrer Gründung die „Veredelung der gewerblichen Arbeit“ zum Ziel gesetzt, eine Qualitätssteigerung des deutschen Kunstgewerbes, um die Konkurrenzfähigkeit deutscher Wertarbeit auf dem Weltmarkt zu stärken. Als kulturelle Innovationsagentur war der DWB über Leitfiguren wie Hermann Muthesius, Friedrich Naumann oder Walther Rathenau zugleich im Sinne einer politischen Institution wirksam. Wesentliche Impulse bezog die Gründergeneration mit Architekten wie Peter Behrens, Theodor Fischer und Fritz Schumacher aus der Lebensreform- und Gartenstadtbewegung. Eine erste Leistungsschau bot der Werkbund 1914 in einer umfassenden Ausstellung in Köln, während der es zwischen Henry van de Velde und Hermann Muthesius zu der als „Werkbundstreit“ bekannten Grundsatzdiskussion über Normung kam. Zwischen 1918 und 1933 blieb der DWB durch die Werbung für Neues Bauen sowie die Organisation international beachteter Bauausstellungen wie der Stuttgarter Weißenhofsiedlung 1927 oder der Siedlung in Breslau 1929 Motor der Modernisierung städtischer Lebensformen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sich der DWB erneut als moralische Instanz zu etablieren. Dem ersten Nachkriegs-Aufruf ehemaliger Werkbundmitglieder im März 1947 folgte im gleichen Jahr der erste Werkbundtag in Rheydt, organisiert von Hans Schwippert, einem der wichtigsten Protagonisten des DWB in der Folgezeit. Im „Rheydter Manifest“ ist zu lesen, dass es sich nicht mehr um die „ästhetische Veredelung einer gesicherten Lebensform“ handelte, sondern darum, „Sinn und Gestalt des Daseins im heutigen Deutschland zu erkennen, zu wollen und zu bilden“. In diesem Manifest ist auch das neue föderalistische Organisationsprinzip des DWB festgelegt, erst 1950 gründeten die Landesverbände auf dem Werkbundtag im Kloster Ettal erneut den Dachverband Deutscher Werkbund e.V. Die noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland formulierten Positionen prägten über Jahrzehnte die öffentlichen Diskussionen um Wiederherstellung kriegszerstörter Städte. Zu dem grundlegenden Verständnis gehörte auch der Anspruch auf die „Gute Form“ mit dem dafür 1953 auf Initiative des DWB staatlich etablierten Rates für Formgebung. Mit der zunehmenden Politisierung von Planungszielen und -verfahren sowie der kulturellen Neuorientierung der Gesellschaft durch neue Wohn- und Lebensformen wurden Ende der 1950er Jahre vom DWB wieder verstärkt Themen der Stadtentwicklung und Landschaftszerstörung aufgenommen und öffentlichkeitswirksam in Ausstellungen sowie Tagungen zur Diskussion gestellt. Auf dem Werkbundtag „Die große Landzerstörung“ in Marl 1959 thematisierte der Berliner Landschaftsarchitekt Walter Rossow die Zersiedelung und Zerstörung der Landschaft. Seitdem wurde der Werkbund zunehmend zum Vermittler, Katalysator und Verstärker gesellschaftlicher Debatten um Partizipation, Wohnungsreform und ein neues ökologisches Bewusstsein. Die Themenschwerpunkte der 1970er Jahre – von provokativen Ausstellungen wie „Profitopolis“ bis hin zu den an die Darmstädter Gespräche anschließenden Internationalen Werkbundgesprächen – blieben nicht ohne Wirkung auf Kommunalpolitik und Stadtplanung. Heute erhalten diese immer noch relevanten Themen durch die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit neuen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten mit Blick auf den gesellschaftlichen Wandel eine wesentliche Erweiterung. Gerade wegen ihrer unterschiedlichen Berufsfelder sehen die Werkbundmitglieder in der Anregung und Moderation interdisziplinärer Zusammenhänge eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die es neben einem bundesweiten Wirken vor allem auf regionaler Ebene zu lösen gilt.  (Werner Durth)

Mehrere Ausstellungen beschäftigen sich 2007 mit der Geschichte des Werkbundes:

„100 Jahre Deutscher Werkbund“ München, Pinakothek der Moderne, 19. 4. – 26. 8. 2007Berlin, Akademie der Künste, Hanseatenweg, 16. 9. – 18. 11. 2007Anschließend Wanderausstellung

»100 Jahre Deutscher Werkbund« präsentiert anhand von circa 500 Exponaten eines der bedeutendsten Kapitel der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Plakate, Modelle, Möbel, Design, Zeichnungen und Fotografien vermitteln ein anschauliches Bild der Leistungen des Deutschen Werkbundes. Ausstellung und begleitende Publikation entstanden in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) der TU Darmstadt, der Neuen Sammlung Staatliches Museum für angewandte Kunst I Design in der Pinakothek der Moderne, München, der Akademie der Künste, Berlin und dem ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart. Gefördert wurde die Ausstellung durch die Ernst von Siemens Kunststiftung, die Robert Bosch Stiftung sowie dem Förderverein des Architekturmuseums der TU München.

„Kampf der Dinge“. Eine Ausstellung im 100. Jahr des Deutschen Werkbunds
Berlin, Werkbundarchiv, Oranienstrasse 25, ab dem 29. 6. 2007 www.museumderdinge.de

„Leben im Hochhaus – Werkbundausstellung Paris 1930
bauhaus-archiv, Berlin, 24. 10. 2007 – 7. 1. 2008

„100 Jahre Deutscher Werkbund“
Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld, 28. 1. – 31. 12. 2007

Weitere Ausstellungen und Einzelveranstaltungen werden von den regionalen Werkbundsektionen ausgerichtet. 

Informationen unter: www.deutscher-werkbund.de

 

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