Der Wasserhochbehälter Bauart Klönne

EIN STARKER TYP AUS DORTMUND:    

 

DER WASSERHOCHBEHÄLTER BAUART KLÖNNE              

Wasserhochbehälter der Bauart Klönne – eine anonyme Ikone der Industrie-Architektur

 

1. Einleitung
Wassertürme finden sich auf bald jeder Industrieansicht der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: ihre Allgegenwart läßt sie so gewöhnlich erscheinen, daß der Betrachter in der Regel darüber hinwegsieht.
Häufig bestehen diese Türme nur aus einem kugelrunden Wasserhochbehälter auf stählernen Stützen, in der Mitte eine Röhre, die Wasserleitungen und eine Wendeltreppe enthält; einziger Schmuck ist ein spitzes Hütchen aus Zinkblech auf dem Dach des Lüftungsaufbaus: Ein industrieller Funktionsbau in seiner reinsten Form, schnörkellos und ohne architektonischen Zierrat, und doch ein unverkennbares Markenzeichen für seinen nahezu in Vergessenheit geratenen Hersteller – die Dortmunder Stahlbaufirma August Klönne (* 1879).
Heute ist selbst in Fachkreisen weitgehend unbekannt, daß dieser "Bauart Klönne" genannte Typ innerhalb eines Zeitraums von ungefähr 30 Jahren in mehreren hundert Exemplaren in den Dortmunder Fabrikhallen der Firma Klönne gefertigt und weltweit aufgestellt wurde. Mittlerweile sind Funktion und Bauart derartiger Wasserhochbehälter überholt, doch bei Reisen durch alte Industriereviere sieht man noch heute gelegentlich ein erhaltenes Exemplar.
Nachdem ich anläßlich der Demontage eines "Klönne-Turms" auf der Kokerei Westfalen in Ahlen für das Westfälische Industriemuseum diesen Bautyp näher kennenlernen konnte, bin ich immer wieder auf seine "Fährte" gestoßen und gewann nach und nach erst eine Vorstellung davon, welche massenhaften Verbreitung genau dieser Typ eines Wasserhochbehälters gefunden hatte. Sichtet man als Eisenbahnfreund, der in den 70er Jahren fotografierend die letzten Dampflokomotiven im Ruhrgebiet bis in die Bahnbetriebswerke verfolgt hat, seine Fotosammlung, so fällt der Blick auf gleichartige Exemplare, z.B. in Gelsenkirchen-Bismarck. Die Zeiten überdauert haben Klönne-Wassertürme der Eisenbahn im Westen u.a. in Bebra, Crailsheim und am ehemaligen Bahnbetriebswerk Anhalter Bahnhof in Berlin (wird vom Museum für Verkehr und Technik an Ort und Stelle erhalten und wieder als Wasserspeicher genutzt), im Osten wurden eine ganze Reihe bis in die jüngste Zeit genutzt.  Warum, fragte ich mich schließlich, hat genau diese "Bauart Klönne" eine derartige Verbreitung gefunden, warum haben Industrie, Eisenbahn und Wasserwerke in den 1910er bis 1930er Jahren überwiegend diese Bauart geordert, wenn ein neuer Wasserhochbehälter errichtet werden sollte? Einwandfreie Funktion, niedriger Preis, kurze Lieferzeit müssen wohl ausschlaggebend für viele Bestellungen gewesen sein. Doch wie kamen diese Vorteile zustande? 

 

2. Zur Entwicklungsgeschichte des Klönne-Behälters
Wie die sichtbaren Sachzeugen selbst sind auch Dokumente und Informationen zu den Klönne-Türmen nur in verschwindend geringem Maße erhalten geblieben. Von der Stahlbaufirma Klönne, deren Produktion in Dortmund Anfang der 90er Jahre vollständig eingestellt wurde, ist – von wenigen Prospekten1 abgesehen – keinerlei älteres Archivmaterial erhalten geblieben. In der technikgeschichtlichen Dissertation zur Entwicklung der Wasserhochbehälter3 von Jan Werth (im Buch des Fotografenehepaars Becher über die Architektur der Förder- und Wassertürme) erscheint die Bauart Klönne ohne Abbildung eher am Rande als Weiterentwicklung der Bauformen von Intze (Patent 1883) und Barkhausen (Entwurf um 1898). Diese lösten ihrerseits die bis dahin vorherrschenden rechteckigen oder zylindrischen Behälter mit flachem Boden ab. Auf die techn. Details dieser Bauformen will ich hier nicht weiter eingehen. Bestreben: möglichst schlanker Unterbau, auskragender Behälter >>> sog. „Wasserkopf“.
Als es Klönne um die Jahrhundertwende gelang, diese Bauformen noch weiter "abzuspecken" und damit erhebliche fertigungsökonomische Vorteile zu erzielen, war sein Erfolg am Markt nicht mehr aufzuhalten. Klönne hatte schon zuvor eine Vielzahl von Speicherbehältern für Gase und Flüssigkeiten sowie Siloanlagen ausgeführt, so z.B. (nachweislich1) zwei Hochbassins mit freitragendem Boden für die Eisenbahn Elsaß-Lothringens oder auch Barkhausen-Behälter.
Die vollständige Kugelform eines Hochbehälters hat Klönne schließlich 1906 erstmals ausgeführt: auf dem Außenbahnhof Chemnitz der Sächs. Staatseisenbahn. Der Kugelbehälter mit 400 cbm Fassungsvermögen wurde gegen eine feste Unterkonstruktion mit Hilfe eines steifen Kegelmantels abgestützt, an dem durch Nietung der Behälter aufgehängt war.
Dieser Wasserturm besaß schon eine stählerne Stützkonstruktion, die zusätzlich noch mit einer Ziegel-Ummantelung verkleidet wurde. (Folie: techn. Zeichnung >>> erläutern:)

Der Ingenieurwissenschaftler Max Foerster stellt diesen Behältertyp in seinem Buch über die Eisenkonstruktionen der Ingenieur-Hochbauten besonders heraus und bewertet ihn als wohl gelungenste Konstruktion seiner Zeit:
Die – je nach den örtlichen Anforderungen – unterschiedlich hohe Stützkonstruktion wurde anfangs zumeist in massivem Mauerwerk ausgeführt. Damit genügte man repräsentativen Ansprüchen, beispielsweise bei den innerstädtischen Türmen der öffentlichen Wasserversorgung. Die bald darauf aufgekommene "nackte" Version des Turms mit kugelförmigem Behälter auf stählernem Stützgerüst, die als "Bauart Klönne" in engerem Sinne bekannt wurde, fand schnell weite Verbreitung im In- und Ausland.

Die Fa. August Klönne erstellte nun bei gleichartiger konstruktiver Durchbildung eine abgestufte Typenreihe von 50 bis 2000 cbm Behälter-Fassungsvermögen für Industrie, Eisenbahn und Wasserwerke, die eine rationelle, kostengünstige "Serien"-Fertigung erlaubte. Die Normalien für Wasserstationen der Eisenbahn-Verwaltungen sahen abgestufte Fassungsräume von: 100, 150, 200, 300, 400, 500 und 800 cbm vor8. "Für die Höhenlage galt vielfach die Bestimmung, daß bei Verteilungsleitungen von 800 m Länge die Behälterunterkante 10 m über Schienenoberkante zu liegen hat, und daß für je 200 m weitere Leitungslänge die Druckhöhe um je 1,0 m zu vergrößern ist."9
Diese Vorschrift verweist noch einmal auf die Funktion der Wasser-Hochbehälter:
 – Wasserspeicherung und Druckerhöhung.

Nur kurz sei an dieser Stelle darauf eingegangen, daß die Bahnverwaltungen für die
Kesselspeisewasser-Versorgung umfangreiche Systeme betreiben musste: Wassergewinnung (Brunnen), ggf. Aufbereitung, Prüfung der Wasserqualität (Labors > Festlegung der Dosierung), Pumpen, Hochbehälter, Verteilsysteme bis hin zum Wasserkran, der im Winter womöglich noch beheizt werden musste (Kokskörbe). Die Durchlaufmenge eines Wasserkrans wurde mit etwa 10 m³/min. angesetzt. Wasserversorgungsanlagen für Dampfloks befanden sich etwa alle 25 – 30 km, im Gebirge auch in kürzeren Abständen. Alleine die BD Köln hatte 1952 noch 59 Wasserhochbehälter in Betrieb!

 

3. Der "Klönne-Behälter" wird zum Marktführer
Gleichartige Anforderungen unabhängig vom jeweiligen Standort förderten die Standardisierung der Bauformen des Wasserhochbehälters und seine serielle Herstellung bei minimiertem Fertigungs- und Montageaufwand. Ausschlaggebend für den Erfolg des Klönne-Behältertyps war neben dem geringen Platzbedarf vor allem seine Materialökonomie. Die Konstruktion ließ eine relativ geringe Blechstärke von 6 mm zu, so daß einer Wasserlast von 400 t beim Chemnitzer Behälter ein Konstruktionsgewicht von nur ca. 24 t gegenüberstand. Da die Aufstellung der komplett vorgefertigten Wassertürme im wesentlichen dem gleichen Ablauf folgte, konnte mit erfahrenen Montagetrupps zeitsparend gearbeitet werden. So konnte Klönne mit seinem patentrechtlich abgesicherten "Bestseller" eine überragende Vorrangstellung am Markt erringen.
Eine Referenzliste aus der Zeit um 1930 nennt alleine 368 Behälter für Bahnhöfe, mehr als 50 für Wasserwerke und 73 Industriewerke mit 100 Behältern. (>>> mehr als 500 Behälter in ca. 25 Jahren: d.h. im Schnitt wurde etwa alle 3 Wochen von Klönne 1 Wasserturm gefertigt und aufgestellt!). Damit war die Zeit der stählernen Hochbehälter aber auch schon abgelaufen. Seither wurden Betontürme errichtet, deren ersten Prototypen bereits vor dem I.WK errichtet worden waren. Häufig wirken diese verklinkerten Spannbeton-Bauten eher wie Hochhäuser oder Lagerhäuser denn als Wassertürme, da im Turmschaft Übernachtungs- und Sozialräume für das Lokpersonal untergebracht wurden – so z.B. in Dortmund-Süd und Dortmund Bbf (beide erhalten).

 

4. Erhaltene Klönne-Behälter
Die Eisenbahn als größter Klönne-Kunde hat mit dem Ende des Dampflokbetriebes auch mit den meisten Wassertürmen kurzen Prozeß gemacht, mit Verschwinden der Montanindustrie aus weiten Teilen des Reviers sind viele überflüssige Wasserhochbehälter zerstört und im Stahlwerk eingeschmolzen worden.
Einige Dutzend der weltweit gelieferten Exemplare existieren wohl noch heute. Sichere Informationen über aktuell noch in Betrieb befindliche Klönne-Behälter liegen nicht vor, aber es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß einige Exemplare dieser bald 100 Jahre alten Bauform nach wie vor zuverlässig ihre Funktion erfüllen.
Als dauerhaft gesichert können neben dem eingangs erwähnten Wassertürmen der ehemaligen Bahnbetriebswerke Anhalter Bahnhof in Berlin, Bebra und Crailsheim u.a. auch die Mitte der 90er Jahre in Westfalen restaurierten Klönne-Behälter in Gronau (van Delden, 150 cbm, wohl hierher umgesetzt) und Ahlen (Gelsenwasser AG * 1915-17, Durchmesser 13 Meter, 1000 cbm.) gelten. Weitere mit Backsteinsockel in Kornwestheim und Lübeck Gbf.


 

Abschluß : Die Reaktion auf einen Beitrag zu den Klönne-Wassertürmen in der Zf.Industriekultur / sowie auf Internetseite vor 2 Jahren war überwältigend: Seitdem ca. 20 Zuschriften/Mails mit NACHFRAGEN, ERGÄNZUNGEN, DETAILS – zuletzt vor 1 Woche von der  DT. BOTSCHAFT IN PEKING.
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Beitrag KLÖNNE-WASSERTÜRME von Norbert Tempel
Stand: 5.5.03

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