industrie-kultur

Magazin für Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte

Route der Industriekultur

Links:
Die Jahrhunderthalle, ehemalige Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins, vor ihrem Umbau zur Festivalhalle
der RuhrTriennale.
(Foto: R. Budde)

Mitte:
Signalobjekt am Aquarius Wassermuseum in Mülheim an der Ruhr.

Rechts:
Der mit einem Gewinnspiel verbundene Entdeckerpass stellt alle Ankerpunkte und Museen der „Route der Industriekultur“ vor. Mit einer Auflage von 80.000 Exemplaren findet er eine weite Verbreitung. 2003 sind erstmals auch Informationen in englischer Sprache sowie Hinweise für Menschen mit Behinderung enthalten.
(Abb.: KVR)
Die „Route der Industriekultur“ im Ruhrgebiet

„Das Ruhrgebiet hat als größte Industrie-Region Europas im Zuge seiner stürmischen Entwicklung ein ungeheures industriekulturelles Potenzial hervorgebracht. Auch wenn Vieles davon in den vergangenen Jahren durch Abriss unwiderruflich verloren ging, hat diese Region nach wie vor eine kaum überschaubare Zahl an baulichen Zeugnissen, die ihre Entwicklung eindrucksvoll widerspiegeln. Es gab in den letzten 30 Jahren – bis heute fortwirkend – unterschiedliche Institutionen und lokale Initiativen, die sich auf unterschiedlichste Weise in der Erhaltung, Restaurierung und Umnutzung industriekultureller Einzelobjekte und bei Aufarbeitung und Aufbereitung industriegeschichtlicher Hintergründe und Zusammenhänge engagieren. Selbst für den Spezialisten, geschweige denn für den interessierten Laien war es jedoch bis in die 1990er Jahre kaum möglich, einen Überblick zu gewinnen. Obwohl das Nachfrage- und Besucherpotenzial bei einem breiten Publikum spätestens seit dieser Zeit als hoch eingeschätzt wurde, war Industriekultur als Kern eines Identität stiftenden Profils für das Ruhrgebiet nur schwer erfahr, erleb- und nachvollziehbar.

Das Erbe des Industriezeitalters wird international zunehmend als Standortfaktor begriffen. Spät, aber nicht zu spät ist dies auch im Ruhrgebiet erkannt worden. Industriekulturelle Standorte haben in den letzten Jahren weltweit zunehmend auch ein touristisches Interesse gefunden. Inzwischen hat aber auch das Ruhrgebiet national wie international den Status eines Vorzeigeprojektes erreicht, wie dies z.B. bei der Entwicklung einer „Europäischen Route der Industriekultur“ deutlich wird (siehe dazu auch den entsprechenden. Beitrag in diesem Heft). Industriekultur hat direkt, vor allem aber indirekt eine ökonomische Dimension. Auch bei der „Route der Industriekultur“ geht es unter anderem darum, sie regionalökonomisch wirksam werden zu lassen.

Als am 29. Mai 1999 die „Route der Industriekultur“ feierlich eröffnet wurde, geschah dies im Rahmen der Schluss-Präsentation der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park. Die Route ist ein Kind dieser strukturpolitischen Großinitiative und wäre ohne sie sicherlich kaum zustande gekommen. Industriedenkmale und industriekulturelle Orte hatten sich zwar nicht erst seit der IBA, aber doch maßgeblich durch sie gefördert, zu Landmarken und Identifikationsorten im Ruhrgebiet entwickelt.

Sie sollten als eines der Ziele der regionalen Strukturpolitik für Freizeit und Tourismus erschlossen werden. Die Route der Industriekultur ist bis heute ein wichtiger Baustein auf diesemWeg. Sie stellt das industriekulturelle Erbe als unverwechselbares Markenzeichen der Region in den Mittelpunkt und erschließt als leicht merk- und vermarktbares Produkt den Kernbereich eines neuen touristischen Profils für das Ruhrgebiet. Auch die „Industrienatur“ auf Zechen- und Industriebrachen hat nicht nur eine hohe ökologische, sondern aufgrund ihrer ästhetischen Attraktivität durchaus auch eine touristische Dimension erreicht. Die Route war somit von vornherein auf die nachhaltige Tourismusförderung hin ausgelegt, was hinsichtlich der großzügigen finanziellen Förderung von Infrastruktur und – zumindest in der Startphase – auch von Marketingmaßnahmen dem Projekt einen deutlichen Auftrieb gegeben hat. Nachteilige Auswirkungen dieser „Netzwerkentwicklung von oben“ haben sich dabei sicherlich auf die Eigeninitiative der Beteiligten ergeben. Dieser Situation hat sich der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) als Projektträger und Moderator der Route in vielfältiger Weise zu stellen.
Links:
Eröffnung einer Themenroute auf der Zeche Nachtigall in Witten.
(Foto: R. Budde)

Rechts:
Die im Rahmen des Projektes aufgestellten Autobahntafeln – hier für die Zeche Nachtigall an der BAB 43 – sind zu einem Markenzeichen der Routen-Infrastruktur geworden.
(Foto: R. Budde)
Highlights, Aussichtspunkte und Museen als Ankerpunkte

MMit einem Kernnetz bedeutsamer authentischer Orte der Industriekultur wird das Ruhrgebiet mit der Route
der Industriekultur touristisch unverwechselbar erschlossen. Diese 19 Highlights der Industriekultur werden „Ankerpunkte“ genannt. Weitere Hauptstandorte an der Route sind sechs überregionale Museen, neun Aussichtspunkte und zwölf Siedlungen. Alle Ankerpunkte und weitere Standorte mir spezifischen touristischen Funktionen werden durch die Route der Industriekultur über verschiedene Verkehrsmittel verknüpft. Zu den vielfältigen Medien der Route gehören eine umfangreiche wegweisende und standortbezogene Beschilderung, Printmedien verschiedenster Art und eine umfangreiche Website: www.route-industriekultur.de.

Zollverein als zentral gelegenem, symbolträchtigen Highlight kommt innerhalb der Route eine besondere Funktion zu. Schon seit langem verbindet sich besonders mit diesem Ort das Ruhrgebiet in der Wahrnehmung von Bewohnern, Besuchern und Medien. An diesem Punkt kann und muss man Benutzer und Medienvertreter abholen und in das Gesamtsystem ziehen. Zollverein ist der „Eiffelturm des Ruhrgebietes“, was in der Außenwerbung entsprechend herausgestellt wird. Durch die Aufnahme als Weltkulturerbe der UNESCO im Dezember 2001 hat diese Funktion eine weitere Steigerung erfahren. Der KVR betreibt hier in Kooperation mit der Stiftung Zollverein das Zentrale Besucherzentrum der Route der Industriekultur. Täglich und ganzjährig besetzt, stehen hier umfassende Informationen über die Route der Industriekultur zur Verfügung.

Das Kernnetz der Ankerpunkte bildet das Rückrat des Gesamtsystems der Route. Darüber hinaus hat dieses System weitere Orte der Vermittlung, um das Erlebnisspektrum für die Benutzer zu verbreitern. Neben den Standorten des Rheinischen und des Westfälischen Industriemuseums, die Ankerpunkte sind, werden daher weitere überregionale Museen mit technik- und sozialgeschichtlichem Schwerpunkt eingebunden, da sie eine wichtige Einstiegs- und Multiplikatorfunktion haben und Hintergrundinformationen und Vertiefungen zu speziellen industriegeschichtlichen Themen vermitteln.

Eine besondere touristische Attraktion bilden die herausragenden Aussichtspunkte in einer Region, die hier in ihrer Gesamtheit die typische industrielle Kulturlandschaft des Ruhrgebietes zeigen. Neben den Aussichtsmöglichkeiten an den Ankerpunkten selbst sind daher neun Aussichtspunkte in die Route einbezogen und durch Informationsangebote erschlossen. Für die soziale Geschichte des Ruhrgebiets und für die städtebauliche Gegenwart sind die Arbeitersiedlungen von hohem Rang. Ihr Erlebniswert für Touristen ist vielfach noch nicht voll erkannt: Hier wird ein direkter Blick in das Leben der Region geworfen, auch in der attraktiven Eckkneipe oder im Biergarten. Deshalb wird eine Auswahl von zwölf besonders herausragenden Siedlungen in das Kernsystem der Route einbezogen, weitere werden auf einer speziellen Themenroute präsentiert.

Eine besondere Attraktion der Region bilden die zahlreichen hochwertigen Events der Kultur und Gastronomie an den eben nur hier zu findenden besonderen Orten der Industriekultur. Einige von ihnen haben sich zu neuen Veranstaltungsorten entwickelt, zum Beispiel durch mehrere Aufführungsstätten innerhalb des Weltkulturerbes Zollverein, die Bühnen vor den Hochöfen der Meidericher Eisenhütte oder die Musicalbühne „Colosseum“ in der ehemaligen VIII. Mechanischen Werkstatt von Krupp in Essen. Der Gasometer Oberhausen gehört als ungewöhnlicher Ausstellungsort zu den bekanntesten Standorten der Region. Mit der RuhrTriennale, die zahlreiche industriekulturelle Orte, allen voran die Jahrhunderthalle in der ehemaligen Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins, zu ihren Aufführungsorten erkoren hat, ist auch eine international ausstrahlende Bespielung von einzelnen herausragenden Standorten der Route der Industriekultur sichergestellt. Ziel muss es allerdings sein, auch außerhalb dieser Triennale-Standorte zur Weiterentwicklung industriekultureller Orte zu kulturellen Veranstaltungsorten beizutragen, indem diese in ihrem Bekanntheitsgrad und ihrer Wertschätzung regional gesteigert werden. Als ein hervorragendes Mittel hierzu hat sich das Großevent „Extraschicht – Die Nacht der Industriekultur“ erwiesen, die am 12. Juli 2003 zum dritten Male stattfand und mit ca. 100.000 Besuchern an 41 industriekulturellen Spielorten die Anziehungskraft industriekultureller Orte eindrucksvoll unter Beweis stellte. Wie Befragungen gezeigt haben, sind derartige Großereignisse – mögen sie manchem auch als Teil einer fragwürdigen „Eventkultur“ erscheinen – geeignet, Wiederholungsbesuche auszulösen, die ein intensiveres Kennenlernen der Standorte der Route ermöglichen.
Die Hauptstandorte der Route der Industriekultur – hier an der Kokerei Hansa in Dortmund – sind mit Informationstafeln in Form von Brammen ausgestattet, die Informationen über das Gesamtsystem der Route, den Standort und die zugehörigen Themenrouten vermitteln.
(Fotos: R. Budde)
Die unter maßgeblicher Beteiligung des KVR zur touristischen Vermarktung des Ruhrgebiets gegründete Ruhrgebiet Tourismus GmbH (RTG), die auch Veranstalter der Extraschicht ist, betrachtet die Industriekultur als eines ihrer Kerngeschäftsfelder. Dabei werden Gemeinsamkeiten mit klassischen und neuen touristischen Angeboten der Region unter Einbeziehung spezieller gastronomischer Orte gesucht.

Entscheidend für eine langfristige und nachhaltige strukturpolitische Wirkung ist die Sicherung der dauerhaften Trägerschaft der Route der Industriekultur als regionale touristische Infrastruktur. Hierzu gehören Koordination, Marketing und Schulung, der Betrieb des zentralen Besucherzentrums, die Pflege, Unterhaltung und Fortschreibung der Medien und Beschilderungssysteme. Der Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) als geplante Nachfolgeorganisation des KVR wird die Trägerschaft als Pflichtaufgabe übernehmen, wobei Organisations- und Rechtsform, die Kooperation mit der RTG und anderen Netzwerk-Partnern z.T. noch auszugestalten sind. Ziel ist die nachhaltige Sicherung und Weiterentwicklung der Route der Industriekultur als touristisches Markenzeichen und Teil der kulturellen Identität der Region.

Reinhold Budde
Projektverantwortlicher für die Route der Industriekultur beim KVR